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Thursday, May 7, 2009

Kurz was Neues

Großartiger, sehr ausführlicher Artikel von Peter Mühlbauer über die Open Access-, Copyright- und Urheberrechtsdebatte in Telepolis.

Und was dazu dann sehr gut passt: Ein Fake-Journal, das beim Riesenverlag Elsevier erschien.

Ein ganz hervorragender Hintergrundartikel auf netzpolitik.org über die Debatte der Sperrung von Internetseiten wegen kinderpornografischen Inhalts. (Ich wünschte nur, er hätte das jemandem zum Korrekturlesen gegeben.)

Friday, April 10, 2009

Politisches Handeln in der Finanzkrise

Ich entdecke gerade via FAZ via perlentaucher die "Blätter für deutsche und internationale Politik". Die FAZ ätzt, vielleicht zurecht:

"Ja, man hat den Eindruck, nichts scheue linke Kulturkritik im Augenblick so sehr wie dies: konkret zu werden. Man könnte ja in die Verlegenheit kommen, die neue postkapitalistische Welt, von der man träumt, mit Sachverstand ausbuchstabieren zu müssen."

Und Christian Geyer fragt weiter: "Wo etwa bleibt die fundierte Kritik an der Wissenschaft der politischen Ökonomie, deren Lehrbücher doch die Drehbücher der gegenwärtigen Krise sind?"

Grundlegendes Problem, zumindest was die erwähnten "Blätter" betrifft, scheint die Fixierung auf die Linkspartei als Instrument zu sein. Albert Scharenberg schreibt über die Entstehung:

"Die anhaltende gesellschaftliche Kritik insbesondere an den Hartz-Reformen trieb ihr Tausende neue Mitglieder zu, und die Erfolge bei den Landtagswahlen in Niedersachsen und Hessen sowie der Bürgerschaftswahl in Hamburg markierten den Durchbruch der neuen Partei im Westen der Republik und die Etablierung eines Fünfparteiensystems."

Er zeigt sich verwundert, dass sie Linkspartei nicht davon profitiert, jahrelang den "Neoliberalismus" gegeißelt zu haben, sondern sich vielmehr dessen "Speerspitze", die FDP, in Umfragen auf Höhenflug befindet.

"Die inhaltliche Ratlosigkeit in Zeiten der Krise wird von der Partei bislang jedoch trotzig verleugnet. In Verkennung der realen Situation wähnen sich viele Aktivisten gar in der politischen Offensive – in der Annahme, der Neoliberalismus sei politisch tot."

Diese inhaltliche Ratlosigkeit war allerdings auch vor dem Zusammenbruch der Finanzmärkte durchaus fassbar, will sagen, die meisten Aktivisten schienen ohnehin davon überzeugt, dass es nur eine Sache der Zeit sei, bis das Gebäude zusammenbricht und man die dann geläuterten ehemaligen Apologeten der mehr oder minder freien Märkte einsammelt und harmonisch vereint einer neuen Zukunft entgegenschreitet. Es scheint deswegen auch nie ein Konzept für konsistentes Handeln vor und nach der Übernahme von Regierungsverantwortung gegeben zu haben.

"Den mit dieser Aufgabe verbundenen Herausforderungen stellt sich das Führungspersonal der Linkspartei bislang jedoch nicht. [...] Kann man eine große, „systemrelevante“ Bank pleitegehen lassen? Muss man jetzt, wie es die Gewerkschaften lautstark fordern, jede Fabrik und jeden von Abbau bedrohten Arbeitsplatz verteidigen? Soll man gar Milliardärinnen, die sich schlicht am Markt verzockt haben, mit Staatsgeldern wieder auf die Beine helfen, wie es die IG Metall im Fall Schaeffler vorschlägt?"

Wie wäre es denn mal mit der Frage über das gewünschte Ausmaß des staatlichen Einflusses auf wirtschaftliches Handeln? Und wie wäre es mit einer Antwort, und das betrifft keineswegs nur die Linkspartei, die so glaubwürdig klingt, dass man auf deren Umsetzung nach der Bundestagswahl vertrauen kann? Ich wünsche mir eine tiefgehende und medienübergreifende Diskussion vor der Bundestagswahl, in der genau dies zur Sprache kommt. Warum bin ich diesbezüglich nichts besonders zuversichtlich?

Sascha Lobo schrieb anlässlich des thematischen Relaunches des "Freitags" nach seiner Übernahme durch Jakob Augstein:

"Aber wo ist das linke, parteiunabhängige Medium, auf das wir warten, die wir Toleranz brauchen, die Freiheit lieben, die Marktwirtschaft akzeptieren, die Veränderungen der Welt bemerkt haben, die Gesellschaft nicht revolutionieren, sondern weiterentwickeln wollen und die Individualität als Wert erkennen, ohne die hohe soziale Verantwortung zu vernachlässigen? [...] Ich will den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern optimieren. [...] Ich bin linksliberal-demokratisch mit sozial-marktwirschaftlichem Einschlag und möchte undogmatische, aber klare und intelligente Positionen sehen. Wo ist mein Medium?"

Ich möchte anfügen: Wo ist die Partei?

Wednesday, April 8, 2009

Christoph Drösser zu Open Access

Christoph Drösser hat einen sehr guten Artikel geschrieben, der die Debatte schön versachlicht:

"Das größte Missverständnis ist aber, dass es sich bei Open Access um eine weitere Form der internetüblichen Umsonstkultur handle. [...] In der Debatte um Open Access ist der antimonopolistische Impetus längst der Frage gewichen, welche Publikationsform für die moderne Wissenschaft denn wirklich die beste ist."

Tuesday, April 7, 2009

Krise und Revolution

Zwei ganz unterschiedliche Artikel über das Grummeln bei den von der Krise bislang eher mittelbar betroffenen Menschen in Deutschland, die sich zu einem ernsthaften Widerstand nicht durchringen können. Der Schriftsteller Ilja Trojanow schreibt in einem sehr langen Artikel in der Zeit, der das Zögern angesichts des Mangels an ernsthaften Alternativen großartig beschreibt:

"Allein die Anarchisten, die mit Leichtigkeit jeden Humor- und Kreativitätspreis unter den Linken gewinnen würden, blicken gewitzt über ihren Horizont hinaus und rufen: »Arbeiter lasst das Schuften sein / reiht euch in die Demo ein!« Die Bauarbeiter winken erfreut vom vierten Stock eines Bürohochhauses hinab. Wie sie auf die revolutionäre Maximalforderung der Partei Die Linke (»10 Euro Mindestlohn, 40-Stunden-Woche«) weiter hinten im Demonstrationszug reagieren, ist nicht überliefert. [...]

Der nachdenkliche Demonstrant muss sich voller ähnlicher Zweifel nach Hause begeben. Wie soll sich ein System, das als imperial, brutal, profitgeil und unterdrückerisch beschrieben wird, von Unterschriftenaktionen und Plakaten zum Umdenken bewegen lassen? Wie soll man utopisch denken und zugleich realistisch handeln, wenn das Problem darin liegt, dass der Gegner (die kapitalistische und politische Elite) den Rahmen dessen vorgibt, was realistisch sein darf?"

Und Timothy Garton Ash spricht in einem Interview mit der Berliner Zeitung, neben seinen Erfahrungen in der DDR und das Jahr 1989, über außerparlamentarische Opposition und ihr mögliches Erscheinungsbild:

"In Europa gibt es Hunderttausende, wahrscheinlich Millionen junger Menschen, die eine Hochschulbildung haben und trotzdem keine Jobs finden. Das ist wie Sprengstoff. Ich vermute, das Jahr 2009 wird das Jahr der 'roten Erika'. [...]

Es wird unruhig werden. Eric Hobsbawm, der große marxistische Historiker, hat gesagt: Wenn der Kapitalismus in die Krise gerät, dann gibt es wieder die Faschismus-Gefahr, den Feind, der rechts steht. Ich sehe das im Moment nicht. Ich vermute, es wird eher eine links-populistische als eine rechts-faschistische Bewegung geben."

Thursday, March 26, 2009

Open Access und Wissenschaft

Ein Hinweis auf einen schönen Artikel im perlentaucher von Matthias Spielkamp, der den Streit über Open Access über Wissenschaftspublikationen zusammenfasst und überzeugend kommentiert. Kernpunkt:

"Um in Zeitschriften solcher Verlage zu veröffentlichen, müssen Wissenschaftler in vielen Fällen den Verlagen die exklusiven Nutzungsrechte an ihren Artikeln abtreten. Das bedeutet, dass sie ihre eigenen Beiträge anschließend nicht mehr an anderer Stelle veröffentlichen dürfen, weder auf der eigenen Website noch der ihrer Universität. Ein Honorar erhalten sie dafür nicht; im Gegenteil, die Peer Review, also die Begutachtung der Forschungsergebnisse, übernehmen Wissenschaftler ebenfalls ehrenamtlich, also in den meisten Fällen auf Kosten ihrer Arbeitgeber. Also auf Kosten der Steuerzahler, wenn sie an öffentlich geförderten Institutionen arbeiten, wie etwa Universitäten. Der Steuerzahler zahlt, der Konzern schreibt Gewinne: Wer enteignet hier wen?

[...] So kostet ein Jahresabonnement des "Journal of Applied Polymer Science" mehr als 21.000 US-Dollar (zuzüglich Mehrwertsteuer) [...]."

Vielleicht füge ich noch etwas aus der Nutzerperspektive hinzu: Es vereinfacht das wissenschaftliches Arbeiten und Recherchieren ungemein, Zugang zu Open Access-Artikeln zu haben. Zugegeben unterscheide ich dabei nicht so sehr zwischen den Artikeln, die ich einfach so online finde, und jenen, für die ich mich bei meiner Unibibliothek anmelden muss, um sie von einem Portal dort herunterzuladen - aber diese Perspektive scheint vollkommen ignoriert zu werden, solange nur von den Produzenten geredet wird. Doch heißt es ja vor allem Open Access, nicht Open Publication.

Mir scheint die Publikation kein Selbstzweck. Vielmehr sollten Wissenschaftler daran interessiert sein, möglichst vielen Menschen einen Zugang zu ihren Arbeiten zu ermöglichen; wenn dies schon nicht durch eine immer verständliche Schreibweise geschieht (ich rede hier von den Geistes, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, von Naturwissenschaften habe ich keine Ahnung), dann eben wenigstens durch einen Zugang, der eine so geringe Hürde wie möglich darstellt.

Letztendlich ist es dasselbe Argument, das auch für die Micropayments von Zeitungsartikeln vorgebracht wird, das mir hier aber schlüssiger erscheint: Als Normalnutzer zahle ich keine 6 oder 24 Dollar oder Euro für einen Artikel (online oder über Bibliotheksbestellservices), von dem ich nur das Abstract und den Titel kenne. Dafür sind, sagen wir es offen, viele Artikel, besonders in extrem spezialisierten Zeitschriften, schlichtweg nicht gut genug und dienen scheinbar nur der Verlängerung der eigenen Publikationsliste. Und wohnt man nicht in großen Universitätsstädten mit gut ausgestatteten Bibliotheken, kommt man sehr schnell in genau dieses Dilemma.

Und wenn ich mir die Beschaffungspolitik der Berliner Universitätsbibliotheken so anschaue, wird mir einfach nur noch anders. Die einzelnen Bibliotheken stimmen sich nicht im entferntesten darüber ab, was da beschafft wird (zumindest scheint das so) - was zu dem Umstand führt, dass einige hochspezialisierte Veröffentlichungen, seien dies Zeitschriften oder Bücher, in mehreren oder allen, viele andere dafür aber in keiner der erreichbaren Bibliotheken zu finden sind. Für uns als Studenten wird es deswegen manchmal unmöglich, dem aktuellen Forschungsstand in bestimmten Feldern zu folgen. Ich kann es mir schlichtweg nicht leisten, 50 oder 80 Euro für Veröffentlichungen zu zahlen, selbst wenn sie hervorragend sind.

Insofern sollte die Diskussion vielleicht dahin gehen, wie Modelle entwickelt werden können, die erhöhte Geschwindigkeit und verminderten Hürden von Informationsübertragung für die Nutzer und die Produzenten gleichzeitig sinnvoll zu gestalten.

Friday, March 6, 2009

Diskussion in der NZZ

Zwei Beiträge zu Journalismus und Internet in der NZZ. Zuerst Otfried Jarren, Medienwissenschaftler an der Uni Zürich. Er leugnet einen Zusammenhang zwischen den wirtschaftlichen Problemen eigentlich aller großen Verlage und dem Aufkommen des neuen Trägermediums Internet:

"Das vermeintliche Sterben dieser traditionellen publizistischen Riesen wird allerdings nicht im Kontext mit dem erheblichen Ausdifferenzierungsprozess im Bereich der gesamten medial vermittelten Kommunikation und den sich daraus ergebenden ökonomischen Folgen gesehen, sondern generell als Niedergang der Massenmedien gedeutet."

Dabei übersieht er (kann man das übersehen??), dass der "Ausdifferenzierungsprozess" der Angebote genau das meint: dass Universalmedien mit einem Publikum, das man tatsächlich als Masse bezeichnen kann, zu vom Aussterben bedrohten Dinosauriern werden. Das darf aber nicht passieren, schreibt Jarren:

"[M]oderne Gesellschaften sind auf die Institutionen der Massenmedien zur Realisierung ihrer öffentlichen Kommunikation angewiesen. Medial vermittelte Kommunikation ist immer eine organisierte Form der Kommunikation – und das setzt Organisationen, Rollenträger und aufseiten des Publikums die Kenntnis ebendieser sozialen Strukturen voraus."

Ich denke eher, dass moderne Gesellschaften sich dadurch weiterentwickeln, dass sie intensive Kommunikation pflegen - über welchen Weg auch immer. Außerdem ist das natürlich ein normatives Argument. Und der komplette zweite Satz bedeutet vor allem, dass Prof. Jarren nicht ausreichend mediensozialisiert ist, sonst würde er dem Publikum nicht die Kenntnis der Strukturen dieses neuen Mediums absprechen oder einsehen, dass all das für das Internet existiert und dieses eben deswegen eine Art Massenmedium ist.

Seine Argumentation wird dann immer absurder:

"Nur Angebote der Push-Medien sind potenziell in zeitlicher und sozialer Hinsicht für alle Rezipienten gleich verfügbar."

Dabei dürfte das FAZ-Abo mittlerweile deutlich teurer sein als eine Flatrate und der kostenfreie Bezug der New York Times sowie sämtlicher anderer Medien, die man gern konsumieren möchte, und zwar in dem Format, in dem man gern möchte, gern also auch als Push-Medium (z.B. als Newsletter).

Er schreibt dann:

"In der Debatte um die 'neuen Medien' dominiert – wieder einmal – ein naives Medienverständnis, weil die soziale Seite der Medien nicht gesehen wird. Medien sind nicht nur technische Vermittlungskanäle, sondern Organisationen mit eigenen Zielen und Interessen, institutionalisiert im Sinne kollektiver Regelsysteme, und sie sind eben auch komplexe Sozialsysteme. Die Massenmedien sind damit soziale Institutionen unserer Gesellschaft."

Der Fehler liegt wohl eher in der Definition dessen, was Jarren als sozial betrachtet: Dies ist eine einseitig senderorientierte Perspektive, angereichert mit etwas Systemtheorie und einem riesigen Schuss Normativität. Sozial bedeutet in diesem Falle vor allem, was der Leser will. Wenn den Leser die Ziele der Medien nicht mehr ausreichend motivieren können, sein Geld für sie auszugeben, dann kann das komplexe Sozialsystem einpacken. Und wenn Massenmedien eine Vernetzungsfunktion weit auseinanderliegender Sektoren der Gesellschaft erfüllen, bedeutet das noch nicht, dass nur sie das können. Und dann:

"Die Gesellschaftsmitglieder bedürfen der intermediären Instanzen, und deshalb gründen sie laufend neue und setzen für diese Ressourcen ein."

Eben! Das bestreitet doch Jarren aber mit Aussage, dass außerhalb der Massenmedien keine anderen Intermediäre möglich seien. Der Artikel wirkt also seltsam unfertig und nicht wirklich durchdacht.

Der zweite Beitrag von Ronnie Grob fordert nicht zu einer solchen Kritik heraus und ist eigentlich ganz angenehm zu lesen, wenn ich auch seine Ansicht der Dichotomie von Masse und Elite und die daraus sich ableitenden Konsequenzen nicht teile.

Saturday, February 28, 2009

Thierry Chervel und Miriam Meckel

Perlentaucher Thierry Chervel hat im Vorwärts einen Kommentar über u.a. einen Artikel der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel geschrieben:

"Zu den Flachheiten des Geredes über die Zukunft der Medien und das Internet gehört die Behauptung, das Internet sei schnell, die Zeitung langsam. Die Zeitung könne nicht das Tempo toppen, mit der das Internet auf ein Ereignis reagiert. Dafür aber füge sie Tiefendimension hinzu, schaffe Reflexion."

Meckel hatte in der FAZ erklärt:

"Die Zukunft der Zeitung könnte aber auch anders aussehen, wenn es gelingt, von dem antagonistischen Verständnis online versus offline wegzukommen und beides als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen."

Sie fügt aber im selben Atemzug hinzu:

"Die Zeitung der Zukunft wird zwei Gesichter haben: ein gedrucktes und ein vernetztes. Die Aktualität, also 'all the news that’s fit to print', wie die 'Times' für sich in Anspruch nimmt, wird ins Internet abwandern. Das Netz ist schneller als jedes andere Medium. Ihm auf diesem Feld mit einem gedruckten Produkt Konkurrenz zu machen, hat einfach keinen Sinn. Aber als Medienhaus die Aktualität im Netz zu bespielen, hat sehr viel Sinn."

Dass es eben, wie Chervel andeutet, auch sehr schnell dazu kommen kann, dass man einfach so ziemlich alles auf e-Book-Formaten liest, kommt für Meckel scheinbar nicht infrage. Es macht einfach wenig Sinn, wenn sie impliziert, dass gute journalistische Stücke nur auf Print erscheinen könnten. Ach, was heißt impliziert:

"Eine Seite, die nicht mehrfach stündlich aktualisiert wird, gerät schnell in die Randzonen der Netzaufmerksamkeit. Und der Leser, der Lesezeit für mehr als ein paar Zeilen investieren müsste, klickt weiter. Bei der Zeitungslektüre verweilt der Leser dort, wo sein Interesse besteht oder geweckt wird durch eine spannende und gut geschriebene Geschichte."

Zumal Frau Meckel selbst mit der neuen Medienwirklichkeit nicht wirklich umzugehen weiß: Auf ihrer Webseite, die auch einen Blog enthält, gibt es keine Kommentarfunktion. Ich schrieb ihr über das Kontaktformular einen längeren Kommentar zu besagtem FAZ-Artikel, bekam aber nicht einmal ein 'Aha.' zurück.

Bei erneuter Lektüre offenbaren sich aber einfach sehr viele Ungereimtheiten in ihrem Artikel: "Im Feld der generischen Nachricht ist für die Zeitung langfristig kein Wettbewerbsvorteil mehr zu erzielen." In diesem Feld war für keine Zeitung jemals ein Wettbewerbsvorteil drin. Oder hat Frau Meckel je eine Zeitung abonniert für die Abbildung der ddp-Nachrichten in der Meldungsspalte.

Ach ja, à propos antagonistisches Verständnis von online und offline:

"Online und offline müssen sich unterscheiden. [...] Wer versucht, das eine in das andere zu übersetzen, hat schon verloren. Wer das nicht versucht, kann nur gewinnen."

Wer so etwas ironiefrei in einem Artikel sagen kann, der online bei faz.net steht, hat schon verloren.

Monday, February 23, 2009

Carlos Slim und die New York Times

Ende Januar schrieb Andres Martinez im Slate-Magazine seine Bedenken über das Investment des mexikanischen Geschäftsmannes Carlos Slim in das Unternehmen, das auch die New York Times herausgibt, nieder:

"Let's face it. The New York Times would never strike a deal with a U.S. tycoon of a similar profile, for fear of triggering real or apparent conflicts between the newspaper's coverage and the investor's interests. Not that you could ever find such a U.S. tycoon: The conglomerate of Slim-controlled telecom, banking, tobacco, retailing, insurance, construction, and other interests has been estimated to add up to 7 percent of Mexico's GDP."

Dabei macht Martinez klar, dass er in keiner Hinsicht eine antikapitalistische Sichtweise einnehmen will. Doch verweist er auf einen Artikel im Wall Street Journal, in dem sein Aufstieg zum Reichtum nachgezeichnet wird. Zum Konzern gehören über 200 Firmen in den unterschiedlichsten Branchen, sodass"[i]t's hard to spend a day in Mexico and not put money in his pocket." Die in Mexiko aufgebauten Monopole bedrohen dabei auch die Demokratie im Land:

"Congress routinely kills legislation that threatens his interests, and his firms account for a chunk of the nation's advertising revenue, making the media reluctant to criticize him."

Dabei scheint seine Geschäftsstrategie typisch Hedge-Fund zu sein: Firmen aufkaufen und aufpäppeln - nur dass er sie dann augenscheinlich nicht verkauft, sondern danach seine Mitbewerber aus dem Feld drängt. Dies liegt allerdings im Wesen der (freien) Marktwirtschaft. Nur bleibt eben das Problem des Monopols: Der fehlende Wettbewerb lässt die Preise für Telekommunikation so hoch bleiben, dass Mexiko schlechter als vergleichbare Staaten vernetzt ist.

Der Grund für den rasanten Aufstieg Slims liegt dann offenbar eher in der Freundschaft zu einem mexikanischen Politiker:

"Despite his abilities, many here believe his biggest break was the rise to power in 1988 of Carlos Salinas [Präsident von 1988 bis 1994], a Harvard-educated technocrat bent on modernizing the country. The two men had struck up a friendship in the mid-1980s, and Mr. Salinas spoke of Mr. Slim as the country's brightest young businessman."

und in der vollständigen Abwesenheit von Regulierung:

"Attempts to regulate Mr. Slim's companies have largely failed over the years. Mexico's telephone regulator, Cofetel, was so weak in the 1990s that Telmex's rivals dubbed it 'Cofetelmex.' When the regulator did try to act, Mr. Slim's lawyers blocked it in the country's Byzantine courts."

Aber Martinez will nicht darauf hinaus, wie Slim sein Geld verdient hat, rechtens oder mit zweifelhaften Methoden:

"It's whether the New York Times really wants to tie its reputation so closely to his. Was there really no one else who had a quarter of a billion dollars to spare?"

Denn das eigentliche Problem, so Martinez, ist, dass man nicht beweisen kann, dass Slim keinen Einfluss auf die Inhalte der Zeitungen nimmt:

"I know from experience that publishers do intervene in the editorial process, as is their prerogative. And I can assure you that Slim's investment will be a factor, even if unspoken, in editorial decision-making henceforth at the Times. Perhaps Mexico's crony capitalism will remain a mostly neglected topic—but now conspiracies will be read into the neglect. [...] It becomes easier for him to write off his critics in Mexico as perennially frustrated leftist whiners. If any of what they alleged were true, after all, would the enlightened and liberal New York Times allow him to become one of its largest shareholders?"

(Wohlgemerkt, ihm steht kein formaler Einfluss durch seine Aktien zu. Die alleinige Verantwortung trägt nach wie vor die Familie Sulzberger.) Komischerweise ist von alldem wenig zu lesen in dem Artikel der taz zum "Niedergang der New York Times". Dort werden immer noch die Zahlen aus dem Atlantic Monthly-Artikel benutzt. Von der Lösung dieses Problems erfährt der Leser hingegen nichts.

Am 15. Februar nun versucht die New York Times genau das, worüber sich Jack Shafer bei Slate ausließ: "the Times being damned if it covers him and damned if it doesn't." Nach der obligatorischen Erwähnung des Investments Slims in der NYTimes charakterisiert der Autor auch den Stil seines Umgangs mit den Medien:

"With telecommunications, retailing and construction companies under his command, Mr. Slim looms large over the media landscape in his country. Notoriously thin-skinned, he does not have to pick up the phone and bellow at those who publish and broadcast something he does not like. His vast resources often translate into less-than-critical coverage."

Geschildert wird dann auch, wie der Deal zwischen dem Zeitungshaus und Slim eingefädelt wurde - allem Anschein nach kam die Initiative von der Zeitung. Neben dem Geschäftsinteresse, das Slim verfolgt, hat das Investment aber auch einen Imagegrund:

"Besides the financial benefits, those who know Mr. Slim also see in the deal an effort to bolster his reputation by linking himself with a well-known brand."

Die Verbindung lässt also das Problem ganz offenbar werden: Wenn über verschiedene neue Erlösmodelle für Printprodukte nachgedacht wird, kann auch die Unterstützung durch sehr reiche Privatpersonen dazu gehören, die sich dadurch einen Gewinn für ihr Image versprechen mögen und einfach, wie bei normalen CSR-Aktivitäten, einer Art öffentlichen Verantwortung als Staatsbürger nachkommen. Dass die journalistische Unabhängigkeit dadurch gefährdet werden kann, kann das der Grund sein, dieses Engagement abzulehnen? Und zu welchem Preis? Wieviele andere ultrareiche Personen auf der Welt gibt es, die für 250 Mio. Dollar Anteile der renommiertesten Zeitung der Welt kaufen (könnten), ohne dass dies in irgendeiner Weise mit der Herkunft dieses Vermögens interferierte? Allein durch ihren Reichtum und den dadurch möglichen Einfluss, den solche Menschen ausüben können, haben Informationen sie betreffend Nachrichtenwert.

Journalistische Suchmaschinenoptimierung

Peter Glaser schreibt:

"Wo noch Redakteure an der Arbeit sind, versuchen sie nun, nicht mehr primär für menschliche Leser zu schreiben, sondern für die Maschine. Texte werden so geschrieben, dass Google sie findet, mit einfachen Schlüsselworten im Titel und einfachen zugehörigen Begriffen im Text. Die kulturlose Suchmaschine versteht beispielsweise keine Wortspiele oder andere elegante Formen des Formulierens."

Und dann liest man einen Text wie den des Schriftstellers Franzobel in der FR:

"Die Orgie ist zumindest ihrer Idee nach ein Aufbegehren gegen die Kommunikationslosigkeit, gegen das monadische Dasein des Einzelnen. Es kommt zu einer wechselseitigen Durchdringung mit anderen als auch mit dem Cosmos - oder, um es mit Freud zu sagen, das Es trifft das Über-Ich und geht stiften."

Das wollen wir nicht, dass sowas untergeht!

Tuesday, February 17, 2009

Und wir danken Wolfgang Ullrich

Endlich mal kurz, klar und knapp:

"Heutiges Produktdesign hat auch in vielen anderen Bereichen die Neigung, Tätigkeiten einseitig überzuinterpretieren. Die Absicht, den Konsumenten zum Experten, Profi oder Freak zu adeln, ja das Verlangen, selbst banale Aktivitäten zu emotionalisieren und in reißerische Events zu verwandeln, führt zu Produkten, die eine beiläufige Nutzung gar nicht zulassen. Ob es sich um einen Toaster oder einen Herd, Turnschuhe oder technische Geräte handelt: Wer etwas sucht, das 'einfach so' handzuhaben ist, tut sich schwer."

Oder: Gute Nacht, Emotionalisierung bei Kroeber-Riel. Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben.

Tuesday, February 3, 2009

Umbruch in der Zeitungsbranche

Die großen Zeitungen müssen sparen. Der Online-Klatschtempel Gawker hat dazu aufgerufen, unsinnige Sparzwänge, die in Unternehmen (das ist keineswegs auf Verlage beschränkt) verhängt werden, zu melden. Diese werden dann, unter dem Label "Recessionomics", veröffentlicht. Unter dem Titel "Possibly The Most Enraging Newspaper Memo Yet" veröffentlichen sie die Richtlinien der South Bend Tribune. Der Herausgeber ("editor") weist darin an, nicht nur an ihn, sondern an mindestens vier weitere Herausgeber ein bis ins kleinste aufgeschlüsselte Liste der am Tage erledigten Aufgaben - selbst der kleinsten - sowie eine Liste der am nächsten Tag anstehenden Tätigkeiten. Es folgt dann eine Beschreibung in 375 Worten. Ziel ist die Steigerung der Produktivität.

Der Silicon Alley Insider hat berechnet, dass anstatt der jährlichen Kosten für Druck und Vertrieb der New York Times, die Zeitung jedem Abonnenten einen Kindle-Reader schenken könnte und noch enorm viel Geld übrig bleiben würde:

"Are we trying to say the the New York Times should force all its print subscribers onto the Kindle or else? No. That would kill ad revenues and also, not everyone loves the Kindle.

What we're trying to say is that as a technology for delivering the news, newsprint isn't just expensive and inefficient; it's laughably so."
(via Dirk von Gehlen)

In einem schönen Stück in der Zeit hat Gero von Randow über den geplanten Rettungsplan des französischen Präsidenten Sarkozy für die Branche geschrieben:

"Frankreich zahlt bereits die höchsten Pressesubventionen Europas, sie belaufen sich auf acht Prozent vom Umsatz. Dennoch geht es der Presse des Landes besonders schlecht. Was sich mitnichten nur auf die schlimmen Zeiten schieben lässt. [...] Herstellung, Verbreitung, Verkaufspreise, alles liegt weit über dem europäischen Durchschnitt. Die Folge: Fast nirgendwo verdient ein Zeitungsverkäufer so wenig wie in Frankreich. Ein Gesetz aus dem Jahr 1947 zwingt ihn überdies, jedes noch so kleine Blatt anzubieten."

Das alles war mir neu. Neben der Unterstützung für den Vertrieb der Zeitungen soll es auch Gratis-Abos für Minderjährige Leser geben. Anlässlich dieser Meldung hat der Tagesspiegel die Subventionslage in verschiedenen europäischen Staaten untersucht. Der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Zeitungsverlage sagt dazu:

"Gleichwohl erwarten wir Zeitungen keine Subventionen vom Staat - wir erwarten aber gute Rahmenbedingungen!"

Bleibt die Frage, ob Zeitungen nicht, wie viele andere Unternehmungen, auch Objekt einer Art Image-Investement sein können: Corporate Social Responsability. Der Milliardär Carlos Sims hat 250 Millionen Dollar in die New York Times investiert (wie er sagt), um die 400-Millionen-Dollar-Umschuldung im Mai zu gewährleisten. Wäre doch aber eigentlich ganz nett, wenn sich ein großer Unternehmer eines profilierten Medienunternehmens annehmen würde. Dies stellt zwar die Unabhängigkeitsfrage. Gleichzeitig scheint es nicht undenkbar, dass das funktionieren könnte.

Wednesday, January 21, 2009

Barney Frank

In zwei großen amerikanischen Zeitschriften gab es kürzlich Portraits über Barney Frank, den derzeitigen Vorsitzenden des Finanzausschusses im amerikanischen Kongress. In dieser Funktion war er der Beauftragte der Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, für die Verhandlungen über die Lösung der Bankenkrise und allem, was damit zusammenhing, mit der Administration des (Ex-)Präsidenten Bush. Dies war wohl auch der Anlass für die Reportagen.

Im New Yorker schreibt Jeffrey Toobin:

"For the first time in more than forty years of public life, Frank has real power [...]."

Dieser Bericht macht wirklich Spaß zu lesen und belebt einen grundlegenden Glauben in die Demokratie - der Mann scheint kompetent, sozial verantwortlich, aber überzeugter Kapitalist zu sein. Pelosi selbst wird zitiert mit den Worten:

"'He’s solution-oriented, respectful of different perspectives, and brilliant. And it’s brilliance that saves time, because he simplifies the complex for us. He is an enormously valuable intellectual resource for the Congress.'"

Er war der erste Kongressabgeordnete, der sich (1987) aus freien Stücken als homosexuell bekannte. Der Bericht im New Yorker erzählt dann eigentlich die Immobilienkrise der vergangenen anderthalb Jahre aus der Sicht bzw. durch die Brille von Barney Frank und abwechselnd dazu seinen Aufstieg im amerikanischen Politikbetrieb. In Anbetracht der Tatsache, dass Frank den Vorsitz des Finanzausschusses im Februar 2007, also vor dem eigentlichen Zusammenbruch des Immobilienmarktes übernahm, war auch Thema eines Interviews mit dem rechtskonservativen Bill O'Reilly:

Im New Yorker heißt es dazu:

"'I will acknowledge that during the twelve years of Republican rule I was unable to stop them from impeaching Bill Clinton,' Frank went on. 'I was unable to stop them from interfering in Terri Schiavo’s husband’s affairs. I was unable to stop their irresponsible tax cuts, the war in Iraq, and a Patriot Act that did not include civil liberties.' In other words, Frank insisted, if the Republicans had wanted to try to prevent the mortgage crisis, they would have had plenty of opportunities to do so."

Dass es für den Mann dennoch nicht ganz einfach gewesen sein dürfte in all den Jahren, belegt ebenfalls ein direktes Zitat aus dem Text:

"'Barney is a real capitalist,' Joe Corcoran, the developer who took over Columbia Point [a public-housing project], told me. 'He understands that we have to make a profit. Barney is the smartest politician I’ve ever seen. I have no problem with him being gay, or being Jewish. I like Jews. I like doing business with Jews. They know how to make a deal.'"

Some of my best friends are, oder Philosemitismus, oder was ist das? Der Artikel lässt das unkommentiert stehen. Angesprochen wird auch, dass Newt Gingrich, ehemaliger Sprecher des Repräsentantenhauses, der Überzeugung war, Barney Frank hasse ihn. Was man verstehen kann, wenn man sowas hört:

"Still, Frank is uncharacteristically hopeful about the future, including gay rights. 'We’re going to do three things in Congress,' he told me. 'First, a hate-crimes bill—that shouldn’t be too hard. Next, employment discrimination. We almost got that through before, but now we can win even if we add transgender protections, which we are going to do. And finally, after the troops get home from Iraq, gays in the military. The time has come.'"

Ein sehr interessantes Stück kann man dann lesen, wenn es um die Abstimmung des 700-Milliarden-Dollar-Paketes im amerikanischen Kongress sowie die vor- und nachherigen Verhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern geht:

"Frank laid out the provisions that the Democrats wanted in a bailout bill: equity for the taxpayers, like any other investors; a program to limit foreclosures for beleaguered homeowners; compensation reform for executives at companies receiving bailout funds; and strict congressional oversight of the whole process. Two days later, on Saturday, September 20th, the Treasury Department sent Congress a formal proposal of sorts. In a text just three pages long, the Treasury asked for seven hundred billion dollars from Congress but provided few details about how the Administration would spend the money. 'It was just ridiculous,' Pelosi told me. 'They wanted us to surrender all authority and give them seven hundred billion dollars.'"

Der Artikel im Portfolio-Magazine von Andrew Rice legt im Gegensatz (er ist vor allem ein ganzes Stück kürzer) zum New Yorker zu Beginn eher Gewicht auf die Einordnung der Bedeutung des Financial Committees:

"Congress, led by Frank’s committee, is now in the process of deciding the future regulatory structure of Wall Street, the pay of investment-banking executives, the fate of Detroit’s Big Three automakers, and how many homeowners will face foreclosure."

Gleichzeitig kommen die im New Yorker nur angerissenen Ängste der Wall Street etwas mehr zur Geltung:

"Friedman [ehemaliger Vorsitzender von Goldman Sachs], like other Wall Street elders, has suggested postponing changes until both markets and emotions have stabilized and appointing a 'blue ribbon' panel (classic Washington-speak for punting on a tough issue) to study possible strategies. Frank says such an idea is 'nonsense.' He has no sympathy for the hedge fund managers and other financial wizards who invented what he calls 'magical money machines.'"

Man erfährt auch, wie sehr Politik letztendlich (immer wieder) abhängig davon ist, dass in manchen Situationen zwei Menschen gut zusammen arbeiten können, weil ihnen gelingen kann, was ohne gute Zusammenarbeit eventuell nicht gelungen wäre. Hier geht es um die Kooperation zwischen Barney Frank und dem amerikanischen Finanzminister Henry Paulson:

"The two men consulted on a daily basis during critical periods of the crisis, sometimes face-to-face, more often in impromptu phone calls. They communicate very differently: Paulson sometimes descends into halting jargon, while Frank can cram three sentence fragments into one breath. But a trusting relationship was formed. When Paulson said he needed $700 billion, it was Frank who expended the mighty effort to persuade resistant House Democrats. [...] 'When I talk to him about the markets, I know he immediately gets it,' Paulson told me at the height of the crisis. 'And he has been consistently right in the advice he has given me about politics.'"

Tuesday, January 20, 2009

Wissenschaftliche Kaffeesatzleserei

In einem Kommentar zu einer Publikation kürzlich im Titel-Magazin schrieb Thomas Rothschild: 

"Zeitungen und Zeitschriften müssen gefüllt werden. Deshalb geben sie ständig Antworten auf Fragen, die sie sich selbst stellen. Aber die Antworten gehen über das Niveau der Kaffeesatzdeutung nicht hinaus. Tag für Tag wird als Gewissheit ausgegeben, was lediglich Vermutung, Behauptung ist. Mit Wissenschaft hat das so viel zu tun wie das Bremsgeräusch eines LKW mit Musik."

Auch ohne den Hintergrund des Artikels, die Neoliberalisierung von Altlinken, dabei zu benötigen, spricht dies ein aktuelles Problem an: Bei der Gratwanderung zwischen Arkanwissen aus dem Elfenbeinturm und Populärwissenschaft werden wissenschaftliche Erkenntnisse teils derart vulgarisiert, dass man für deren Vermittlung dann auch keine Professoren (oder -innen) mehr braucht.

Ein schönes Beispiel lieferte dafür kürzlich Professor Norbert Bolz in einem Interview in der Berliner Zeitung (hier stellte er sich die Fragen also nicht selbst). Anlässlich der Diskussion um 25 Jahre Privatfernsehen äußert er gleich zu Beginn, als hätte es weder eine konstruktivistische Medientheorie noch eine Cultural Studies Fernsehforschung je gegeben:

"Der Vorteil für den Zuschauer ist die Prämie der Passivität. Er wird nebenher berieselt, Walter Benjamin hätte das 'zerstreute Rezeption' genannt. Man bekommt als Konsument beiläufig alles mit: Was in New York los ist, wie es zwischen Männern und Frauen läuft, wie Obamas Frau aussieht. Durchs Fernsehen lernt man die Welt kennen. Der Nachteil: Fernsehen ist ein Oberflächenmedium, ohne jegliche Tiefe."

Als Walter Benjamin noch lebte, gab es schlicht noch kein Fernsehen, und es ist unglaubwürdig, dass sich nach Benjamin niemand mehr mit einem bedeutenden Beitrag zur Rezeption des Fernsehens gemeldet hätte. Als nächstes folgen dann, natürlich, Adorno und Postman:

"Der Kulturauftrag des Fernsehens ist nichts weiter als ein Phantasma."

Das kann man denken, man kann auch anderer Meinung sein, auch wenn in diesem Fall jegliches Gegenargument sofort als weltfremd abgetan werden kann. Aber was folgt, ist dann schon recht unglaublich.

"Sie [die privaten Fernsehkanäle] haben in gesundem Realismus das Wichtigste klargestellt: Es zählt nur die Quote. Hätten die öffentlich-rechtlichen Sender den Mut eines Don Quichotte besessen, und die Quote missachtet, wäre vielleicht alles anders gekommen. Sie könnten es, denn das Geld ist ja bei ihnen. Aber sie fingen sofort auch an, nach der Quote zu schielen, da ist es zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen zur Ununterscheidbarkeit gekommen. Von heute aus gesehen war das richtig, denn das Fernsehen ist nicht mehr das Leitmedium."

Abgesehen davon, dass es Menschen und nicht die Kanäle waren, die irgendwas klargestellt haben, scheint sich die Argumentation wie folgt aufzubauen: Wären die öffentlich-rechtlichen Kanäle vollkommen weltfremd gewesen und hätten sie gegen Windmühlen gekämpft, gegen also eigentlich real nicht existente Phantasmen, dann, ja dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Die Ununterscheidbarkeit zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Anstalten ist eher behauptet (bei den Sparten- bzw. Regionalkanälen liegt die Unterscheidbarkeit auf der Hand, vgl. Phoenix oder 3sat, aber auch bei den Generalisten ist doch immer noch ein Unterschied zu bemerken), wenn man eine gewisse Annäherung auch nicht einfach vom Tisch wischen kann. Zumal Bolz selbst nur einige Absätze weiter unten sagt:

"Die Öffentlich-Rechtlichen stecken in viel engeren Geschmacksgrenzen fest."

Am überraschendsten erscheint mir aber die Volte, die Bolz am Ende schlägt: Die Konvergenz des Maßstabs Quote für sowohl öffentliche als auch private Anstalten war richtig, weil das Fernsehen heute nicht mehr das Leitmedium ist? Ist es richtig, weil infolgedessen das Fernsehen seinen Status als Leitmedium verloren hat? Oder ist es richtig, weil Quote auch bei allen zukünftigen medialen Kanälen der Maßstab sein wird, auch jetzt, wo das Fernsehen nicht mehr das Leitmedium ist? Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? You lost me there.

Danach widerspricht sich Bolz scheinbar sogar, wenn er auf die Frage 

"Hat das Privatfernsehen die Öffentlich-Rechtlichen gezwungen, ihr Profil zu schärfen?"

behauptet:

"Auf jeden Fall. Der 'Tatort' ist politisch korrekter geworden, 'Anne Will' ist schärfer als 'Christiansen' es war."

Damit hätte die Konkurrenz ja, zumindest in einigen Fällen, sogar zu einer größeren Unterscheidbarkeit geführt, denn an political correctness ein privates Programm zu messen, scheint mir in den meisten Fällen vertane Zeit.

Im Anschluss bezeichnet Bolz die Privaten auch als Trendaufspürer und Trendsetter:

"Hauptsächlich RTL hat richtige Spürnasen, die jeden Trend im Ansatz erfassen, prüfen und dann mit unternehmerischem Mut, manchmal auch Wagemut, koppeln und ins Programm nehmen."

Die Zeit schrieb über Bolz mal "Trendforscher kennen Herrn Bolz als Philosophen; Philosophen kennen ihn als Trendforscher", deswegen sollte man davon ausgehen, dass daran irgend etwas bedenkenswert ist. Stefan Niggemeier schrieb zur Verleihung des Preises "Medienfrau des Jahres 2008" an Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin von RTL:

"Man kann den von ihr geleiteten Sender RTL zum Beispiel dafür bewundern, wie er es geschafft hat, angesichts einer sich ganz von allein zerbröselnden Konkurrenz, einfach stillzuhalten und auf eigene Ideen, Impulse und Risiken zu verzichten. [...] Und bestimmt findet man in einem Jahr, in dem die Quoten für RTL fast durchweg schlechter waren als im Vorjahr, auch eine Ausnahme, die man hervorheben kann."

Ich habe seit Jahren kein RTL geschaut, aber das klingt nicht nach Wagemut. Aber der brave Roland Mischke fragt nach:

"Meinen Sie Sendeformate wie 'Big Brother' und die 'Dschungelshow'?"

Darauf Bolz:

"Zum Beispiel. Unglaublich, dass das funktioniert hat. Echtes Leben, echte Gefühle, wahre Intimität."

Unglaublich oder nicht. Aber "echt"? Damit möchte ich nicht auf das Authentizitätsproblem hinaus, sondern lediglich die begriffliche Unschärfe von Bolz kritisieren. Das ist zwar sehr leicht lesbar, setzt sich aber der Gefahr der vollkommenen Unseriösität aus.

Ich bezweifle, dass durch eine solche Vermittlung irgendeiner der Leser eine zusätzliche Information erhalten hat. Und wenn das nach Jahrzehnten der Rezeptionsforschung in der Öffentlichkeit kommuniziert wird, dann verliert das Fach einfach seine Existenzberechtigung.

Saturday, January 17, 2009

Porträt des russischen Verlegers Boris Giller

Sonja Zekri hat in der Süddeutschen Zeitung ein sehr schönes Portrait über den russischen Verleger Boris Giller, der vor allem regionale Zeitungen vertreibt, geschrieben:

"'Die Menschen kaufen meine Zeitungen, also kriege ich Anzeigen', sagt er: 'Anzeigen bringen Geld, also drucken wir, was die Menschen lesen wollen.' Nämlich? 'Die Wahrheit.' So simpel ist sein Businessplan."

Die derzeitige Situation der Presse in Russland wird folgendermaßen beschrieben:

"Auch Moskauer Wirtschaftsblätter wie der Kommersant oder Wedomosti, das Wochenblatt Nowaja Gaseta oder die Zeitschrift Nowoje Wremja lassen kein gutes Haar am Kreml. Russland ist nicht Nordkorea, zwar ist das Fernsehen staatstreu bis zur Lähmung, aber das Internet ist frei, und die Presse liegt irgendwo dazwischen. Doch die Strahlkraft der liberalen Hauptstadtpresse dringt selten über den Moskauer Autobahnring hinaus. Giller informiert die Provinz, aus Geschäftssinn und aus Liebe."

Und soll man sich bei der Prognose für die Zukunft freuen oder fürchten?

"Seine vorläufige Prognose für Russland, für die Krise, für die Pressefreiheit? Da hat er nachgedacht, gegrinst und schließlich gesagt: 'Es wird schlimmer. Und dann wieder besser.'"

via perlentaucher

Friday, January 16, 2009

Verkauf (fast) perfekt: Berliner Zeitung bei DuMont Schauberg

Anfang der Woche wurde es beschlossen und verkündet, jetzt müssen "nur" noch das Bundeskartellamt und die Gesellschafterversammlung des Mecom-Konzerns zustimmen: der Verkauf der Berliner Zeitung, des Berliner Kurier, der Hamburger Morgenpost, des Berliner Abendblattes, der Stadtzeitung tip sowie der Netzeitung an den Verlag DuMont Schauberg.

Der neue Besitzer hat seinen Schwerpunkt im Kölner Raum - zu ihm gehören der Kölner Stadt-Anzeiger, die Boulevardzeitung Express, die Kölner/Bonner Rundschau -, außerdem die Mitteldeutsche Zeitung. Ein Einspruch des Kartellamtes ist deswegen nicht wahrscheinlich. Der Verlag ist aber auch an der Frankfurter Rundschau beteiligt, die von dem ehemaligen Chefredakteur der Berliner Zeitung, Uwe Vorkötter, geleitet wird. Dies hat zu Spekulationen geführt, beide Redaktionen bekämem einen gemeinsamen Newsdesk.Dem wird unter anderem in der Frankfurter Rundschau widersprochen.

Nach etwa drei Jahren unter Mecoms Dach wird vom Betriebsrat (in der FAZ zitiert) bilanziert: „Keine Investitionen in Marken, Personal, Technik und Unternehmen, keine Print- und Onlinekonzepte. Stattdessen irrationale Umsatzvorgaben und ständiger Schuldenzuwachs, Rücklagen geplündert, Gewinne abgezogen.“

"Erleichterung" nennt es demzufolge auch Thomas Rogalla in einem Gespräch auf Deutschlandradio Kultur, was bei den Mitarbeitern herrsche. Warum sich, wie er äußert, allerdings Geld verdienen und eine Zeitung machen widersprechen sollen, weiß ich nicht. Die Berliner Zeitung macht ja immer noch Profit.

In der FAZ herrscht Verwunderung über die Expansion des Verlags: "Der 81 Jahre Familienpatriarch Alfred Neven DuMont setzt im bröckelnden deutschen Zeitungsmarkt stärker als alle seine Konkurrenten auf Wachstum. 'Fressen, um nicht gefressen zu werden', umschreibt ein anderer Großverleger die Strategie des Seniors, der in Köln noch immer das letzte Wort hat."

Die NZZ differenziert: "Nach seinem Abgang werden sich die besorgten Branchenbeobachter vermehrt mit der Tatsache konfrontieren müssen, dass die einheimischen «klassischen» Medienmanager nicht wirklich zimperlicher als der Mann von drüben vorgehen." Immerhin war in den vergangenen Tagen ja auch überall zu lesen, wie Gruner und Jahr die Redaktionen von FTD, Capital, Börse Online und Impulse zusammenlegt. Im Blog "Die Dschungel. Anderswelt" war kürzlich zu lesen, dass "[...] die FAZ momentan kaum mehr mehr als 50 ct/Zeile bezahlt, und zwar: bezahlen k a n n [...]".

In der Süddeutschen Zeitung ist jetzt ein Porträt von Neven DuMont erschienen: "Auch wenn, so Neven DuMont, die Wirtschaftskraft nicht mit München, Hamburg, Frankfurt oder Köln vergleichbar sei: 'Berlin ist aufregender als jede andere deutsche Stadt.' [...] Die Zeitung ist für Neven DuMont Kulturgut, sie wird nicht vorwiegend aus finanziellen Gründen gemacht. Natürlich muss die Kasse stimmen und auch M. DuMont Schauberg baut Personal ab. Daran, so Neven DuMont, komme derzeit kein Verlag vorbei. Doch die publizistische Qualität war ihm immer genauso wichtig wie der Profit."

Da ist er also, der "echte Verleger", wie ihn auch die Betriebsratsvorsitzende der BVZ Deutsche Mediengruppe, Renate Gensch, nennt. Diese Idee kritisiert Thomas Knüwer im Handelsblattblog: "Der Schriftsteller Arno Schmidt berichtete einst über seine Erfahrungen mit der Presselandschaft im Wirtschaftswunderland: 'Alle Verleger sind Schufte'. Und angeblich war es Kurt Tucholsky, der sagte: 'Die Verleger schlürfen aus den Hirnschalen ihrer Autoren Champagner.' Verbürgt ist wohl seine Äußerung, dass der deutsche Zeitungsverleger ein 'ängstlicher Mann' sei: 'er will Geld verdienen, was ihm kein Mensch übelnimmt, und er will nur Geld verdienen, was ihm sehr übel zu nehmen ist.'"

Er schließt: "Was Zeitungen heute brauchen, sind nicht mehr Verleger, sondern bessere Geschäfts-Führer. Dabei ist es unerheblich, ob diese nun über Eigentümerschaft gleichzeitig Verleger sind. Wichtiger ist, dass sie sowohl führen können, als auch Branchenwissen und Weitblick haben. [sic!] Dass sie integer sind und klar denken. Sprich, dass sie 'echte Manager' sind. Sie sollten wir uns herbeiwünschen, statt irgendwelchen Traumbildern hinterherzujammern."

Ich bin gespannt, wie sich die Berliner Zeitung, an der vor allem mein Herz hängt, im noch frischen Jahr entwickeln wird.

Thursday, January 15, 2009

Lloyd Grove: Sumner's Discontent

Im aktuellen Portfolio-Magazin befindet sich ein sehr lesenswertes Porträt (Autor: Lloyd Grave) des Präsidenten (für chairman gibt es die Übersetzungen Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender) der beiden Medienkonzerne Viacom und CBS, Sumner Redstone, über den ehemalige Mitarbeiter sagen:

A former Viacom executive calls him “a scumbag,” while another claims he’s “the most egocentric human being you could ever run across.”

“There’s a group of people he says are his friends,” adds this former Viacom executive, “who would happily cut his heart out with a rusty knife.”

Etwas unheimlich, dass ein so alter und offenbar weitgehend beratungsresistenter Mann wie Redstone solche riesigen Konzerne führt.

(via perlentaucher)

Wednesday, January 14, 2009

Best of Feuilleton 2008

Der Blog Umblätterer, der die Feuilletons der deutschen Tageszeitungen nicht nur präsentiert, sondern auch bewertet, hat zum Beginn des Jahres 2009 ein Best-of von Feuilleton-Artikeln des Jahres 2008 veröffentlicht: "Wir interpretieren das Feuilleton als nicht enden wollenden Gegenwartsroman, mit all seinen literarischen Glanzpunkten und inhaltlichen Schrecklichkeiten. Und dem schönsten aller Texte wollen wir endlich einen Titel verleihen."

Sehr lesenswert sind tatsächlich einige dieser Artikel:

Alex Rühle schreibt über den furchtbaren Jargon der meisten Literaturkataloge:

"Fangen wir also mit dem Offensichtlichsten an, den Adjektiven. Bücher werden eigentlich ausschließlich mit Adjektiven beworben.Und zwar mit so vielen, dass man am Ende kein einziges behalten hat. 

Ein Beispiel, beliebig herausgegriffen. Suhrkamp behauptet, Hans-Ulrich Treichels neuer Roman 'Der Papst, den ich gekannt habe' sei beschwingt, ironisch, herrlich komisch, leichtfüßig und verstörend, unwiderstehlich, fragil und berauschend schnell.

[...]

Oder [...] Schopenhauers 'Parerga und Paralipomena' lesen. Darin heißt es, genauso schwer wie die Kunst des Lesens sei 'die Kunst, nicht zu lesen: Um das Gute zu lesen, ist eine Bedingung, dass man das Schlechte nicht lese: denn das Leben ist kurz, Zeit und Kräfte beschränkt.'"

Benjamin von Stuckrad-Barre, der offensichtlich reifer geworden ist und nicht mehr ganz so furchtbar widerlich wie etwa in Livealbum, das stilistisch mit dem Artikel am ehesten verwandt sein dürfte (zumindest von den Sachen, die ich von ihm kenne), rezensiert eine Lesung von Roger Willemsen, Claus Peymann und Charlotte Roche ohne Charlotte Roche:

"'Schönberg sagt', sagt jetzt der angemessen ratlos zwischen den beiden Rampenradikalen auf dem Podest sitzende Ersatz-Hermann Beil, im Hauptberuf Peymanns Dramaturg, 'ich bin immer gegen den Strom geschwommen'. Willemsen nickt."

[...]

"Aber das Godesberger Programm mit der Überschrift 'radikal' zu versehen, da ist Willemsen zu Recht sicher, das ist eine nachvollziehbare Turnübung, da denken dann alle: Huch! Echt, das steht da? Na, das klingt ja nach akutem Lafontaine! Denken wir nur an die SPD dieser Tage, ihren Bahn-Privatisierungs-Spagat, also, denk, denk, ist es denn die Möglichkeit, chapeau - radikal, das mal so zu sehen!"

Friday, January 9, 2009

"Das Internet schafft gigantische Möglichkeiten für Qualitätsjournalismus."

In der Neuen Zürcher Zeitung ist ein Interview mit Jay Rosen, Journalistikprofessor in New York und Blogger unter anderem bei der Huffington Post. Gemeinsam mit der Nachricht, die New York Times sei unter Umständen im Mai pleite, wenn 400 Mio. Dollar Schulden fällig würden, aktualisiert das die mittlerweile fast schon alte Frage nach der Zukunft des Journalismus im Netz.

Rosen beruhigt: "Es könnte eine Katastrophe für einige Verlage werden, aber mit Sicherheit nicht für die freie Presse als solche." Gleichzeitig gibt er aber zu bedenken: "Journalisten müssen lernen, unternehmerischer zu denken, eigene Unternehmen zu gründen und allein oder in kleinen Gruppen zusammenzuarbeiten." Dies muss sich keineswegs widersprechen, aber die Gefahr eines Widerspruchs zwischen freier Presse und unternehmerischen Gedanken, die auch die Art und Weise zu arbeiten und zu schreiben beeinflussen können, dräut.

Unabhängig davon geht es mir allerdings gegen den Strich, dass zwangsläufig alle Zeitungen nur noch online zu lesen sein sollen. Wann lesen eigentlich diese Leute Zeitung, bzw. wie? Die haptische Erfahrung der Zeitungsseiten, eine Seite in der U-Bahn herauszureißen, um diese zu Hause zu archivieren oder einem Freund zur Lektüre mitzugeben sowie mein eigenes Leseverhalten, das sich zwischen Online und Print einfach erheblich unterscheidet, ließen mich einen Verlust empfinden, wenn dies tatsächlich eintreten sollte. Darüber hinaus will ich, dass die Journalisten, die ich gern lese, ihre Zeit der weiteren Verfeinerung ihres Fachwissens bzw. dem Schreiben von Artikeln widmen und nicht der Anzeigenakquise für ihre Webseite oder dem Knüpfen von irgendwelchen Netzwerken.

Zweifelsohne bietet das Netz den Zugang zu lauter journalistischen Angeboten, die sonst ungenutzt blieben; ich bin nicht zuletzt eifriger Leser des Perlentaucher. Und die Kontakte der Journalisten untereinander sind für ihre Arbeitsbedingungen wahrscheinlich auch von Vorteil. Nur sollte doch klar sein, dass guter Journalismus unabhängig vom Medium (ob in Fernsehen, Radio, Zeitung oder Online) an ähnlichen Kriterien gemessen werden kann und nur unterschiedliche Arten der Vermittlung nutzt.

Ich schließe erst einmal damit, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Lektüreeinstellung gegenüber der Marke einer Zeitung und gegenüber der Marke eines Namens. Und dass ich von einer Online-Zeitung gar nicht erwarte, mich umfassend zu informieren, sondern dass ich dort eher danach Ausschau halte, was gerade interessant aussieht oder was andere Lektüreerfahrung für mich ergänzen kann. Sodass es eben beides braucht, Print für den Frühstückstisch und den Bahnhofskiosk, Online für kurze, intensive Recherchen und Ergänzungen zu spannenden Themen.

Thursday, January 8, 2009

DuMont steigt beim Berliner Verlag ein?

Die Süddeutsche Zeitung meldet, der Kölner Verleger Alfred Neven DuMont übernehme die Mehrheit am Berliner Verlag, zu dem unter anderem mein altes Hausblatt Berliner Zeitung gehört. Bei diesem war nach der Übernahme durch den Mecom-Konzern und dem Wechsel von Uwe Vorkötter zur Frankfurter Rundschau sowie der Übernahme der Chefredaktion durch Josef Depenbrock ein unschöner Qualitätsverlust zu verzeichnen.

Nicht nur, dass zahlreiche Journalisten gingen (Rouven Schellenberger und Brigitte Fehrle auch zur FR), das ist ja ganz normal; seltsam war die unmerkliche, mit einer Lesepause von drei Monaten dann aber doch sehr manifeste Änderung im Schreibstil. Ich denke, dass es vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen wäre, Dinge zu schreiben, wie Willi Germund, der Ostasien-Korrespondent, es am 22.12.2008 auf der Meinungsseite zum eskalierenden Konflikt zwischen Pakistan und Indien tat:

"Die ewigen Querelen zwischen Indien und Pakistan um jedes kleine Detail gingen allen anderen auf die Nerven. Wenn die Atommacht Indien Terroristen erlaubt, mit einer einzigen Attacke gleich wieder Verhältnisse wie vor zehn Jahren herzustellen, dann begibt sie sich auf das Niveau, auf dem der Nuklearstaat Pakistan herumkreucht."

Oder auch der Artikel des Chefredakteurs vom 31.12.2008, dessen Titel, man hofft es, ein Wortspiel ist und keine sprachliche Entgleisung: "Das Schlimmste kommt meist nie". Dort kommt er nach einer recht unzusammenhängenden Aneinanderreihung verschiedener Schlagzeilen der vergangenen Monate zum Fazit,

"Es ist wie beim Turmbau zu Babel, der Mensch strebt stets nach Höherem, nach mehr. Also werden Arm und Reich 2009 in gleichem Maße emsig an ihrem persönlichen Optimum werkeln. Und immer mehr Menschen dürfen dabei selbst bestimmen, was sie als Optimum überhaupt ansehen, materielles oder emotionales oder beides in perfekter Harmonie.

Zweifelhaft ist wohl, dass allen Menschen im neuen Jahr ein Mehr an Wohlstand gegeben wird, sicher aber ein Mehr an Freiheit und Demokratie. Die Globalisierung der Welt bleibt der beherrschende Trend und nimmt den Despoten zunehmend Raum. Das Wissen um demokratische Prozesse, der Austausch von Gedanken und Techniken sind nicht zu stoppen. Eines Tages, das ist gewiss, lässt sich Freiheit nirgendwo mehr verweigern, denn immer mehr Beispiele der Selbstbestimmung umrunden per Internet die Welt."

Dieser Ton ist neu. Es ist recht schwierig, dieses diffuse Gefühl aufzulösen; schließlich bleiben auch nach dem Weggang von Autoren wie Arno Widmann immer noch sehr gute Leute wie Christian Bommarius, Jens Balzer oder Anke Westphal (diese Aufzählung ist non-exhaustive). Aber man darf doch vom bewiesenermaßen sehr fundiert berichten könnenden Germund und erst recht vom Leitartikel des Chefs zum Jahresende eine etwas differenzierte Sicht erwarten.

Nach den Berichten zu den Sparplänen bei der Netzeitung, die im selben Haus entsteht, drängt sich aber der Gedanke auf, dass die zunehmenden Probleme des Printjournalismus in diesem Falle sehr wohl auch hausgemacht sind: Wer seinen Lesern so etwas zumutet, bzw. denkt, er könne ihnen nicht auch mehr zumuten, wer also zunehmend auf generische Inhalte setzt, dem laufen die Leser davon, bzw. fehlt nicht sonderlich viel, wenn man überhaupt gar keine Zeitung mehr liest, sondern seine Informationen im Internet zusammenklaubt. Das geht nicht unbedingt schneller, und ist bei weitem nicht besser als guter Printjournalismus, aber es kostet eben auch kein Geld.

Insofern: die Nachricht ist gut! Man hofft, dass die Zeitung nicht so ausgeblutet ist, dass das Engagement von DuMont sich lohnt und innerhalb eines halben Jahres wieder eine richtig gute Zeitung entstehen kann.