Saturday, February 28, 2009

Thierry Chervel und Miriam Meckel

Perlentaucher Thierry Chervel hat im Vorwärts einen Kommentar über u.a. einen Artikel der Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel geschrieben:

"Zu den Flachheiten des Geredes über die Zukunft der Medien und das Internet gehört die Behauptung, das Internet sei schnell, die Zeitung langsam. Die Zeitung könne nicht das Tempo toppen, mit der das Internet auf ein Ereignis reagiert. Dafür aber füge sie Tiefendimension hinzu, schaffe Reflexion."

Meckel hatte in der FAZ erklärt:

"Die Zukunft der Zeitung könnte aber auch anders aussehen, wenn es gelingt, von dem antagonistischen Verständnis online versus offline wegzukommen und beides als zwei Seiten einer Medaille zu verstehen."

Sie fügt aber im selben Atemzug hinzu:

"Die Zeitung der Zukunft wird zwei Gesichter haben: ein gedrucktes und ein vernetztes. Die Aktualität, also 'all the news that’s fit to print', wie die 'Times' für sich in Anspruch nimmt, wird ins Internet abwandern. Das Netz ist schneller als jedes andere Medium. Ihm auf diesem Feld mit einem gedruckten Produkt Konkurrenz zu machen, hat einfach keinen Sinn. Aber als Medienhaus die Aktualität im Netz zu bespielen, hat sehr viel Sinn."

Dass es eben, wie Chervel andeutet, auch sehr schnell dazu kommen kann, dass man einfach so ziemlich alles auf e-Book-Formaten liest, kommt für Meckel scheinbar nicht infrage. Es macht einfach wenig Sinn, wenn sie impliziert, dass gute journalistische Stücke nur auf Print erscheinen könnten. Ach, was heißt impliziert:

"Eine Seite, die nicht mehrfach stündlich aktualisiert wird, gerät schnell in die Randzonen der Netzaufmerksamkeit. Und der Leser, der Lesezeit für mehr als ein paar Zeilen investieren müsste, klickt weiter. Bei der Zeitungslektüre verweilt der Leser dort, wo sein Interesse besteht oder geweckt wird durch eine spannende und gut geschriebene Geschichte."

Zumal Frau Meckel selbst mit der neuen Medienwirklichkeit nicht wirklich umzugehen weiß: Auf ihrer Webseite, die auch einen Blog enthält, gibt es keine Kommentarfunktion. Ich schrieb ihr über das Kontaktformular einen längeren Kommentar zu besagtem FAZ-Artikel, bekam aber nicht einmal ein 'Aha.' zurück.

Bei erneuter Lektüre offenbaren sich aber einfach sehr viele Ungereimtheiten in ihrem Artikel: "Im Feld der generischen Nachricht ist für die Zeitung langfristig kein Wettbewerbsvorteil mehr zu erzielen." In diesem Feld war für keine Zeitung jemals ein Wettbewerbsvorteil drin. Oder hat Frau Meckel je eine Zeitung abonniert für die Abbildung der ddp-Nachrichten in der Meldungsspalte.

Ach ja, à propos antagonistisches Verständnis von online und offline:

"Online und offline müssen sich unterscheiden. [...] Wer versucht, das eine in das andere zu übersetzen, hat schon verloren. Wer das nicht versucht, kann nur gewinnen."

Wer so etwas ironiefrei in einem Artikel sagen kann, der online bei faz.net steht, hat schon verloren.

Wednesday, February 25, 2009

Imperialistische Kundenbindung

So könnte man nennen, was Vattenfall gerade gemacht hat: Kunden, die zum großen Teil wegen desaströser Managementfehler (während einer Preiserhöhung im Frühjahr 2007 und während der Unfälle in den KKW Krümmel und Brunsbüttel im Sommer 2007 [die nach anderthalb Jahren noch immer nicht wieder in Betrieb sind] sowie der Beförderung des für die fehlerhaft kommunizierte Preiserhöhung verantwortlichen Vertriebschefs zum Vorstandsvorsitzenden) zum Konkurrenten Nuon gegangen sind. Insofern wird ein Gutteil der Flüchtigen also nicht durch gute Preispolitik und einen Wiederaufbau von Vertrauen in den Konzern zurückgewonnen, sondern einfach zurückgekauft. Das ist doch mal energisch!

Monday, February 23, 2009

Sixtus vs. Lobo

Macht Spaß!

 
 
 
 
 
 
 

 

Sixtus vs. Lobo – Cybermobbing

 
 
 
 
 
 
 

 

Sixtus vs. Lobo – Zukunft des Mobilfunks

Carlos Slim und die New York Times

Ende Januar schrieb Andres Martinez im Slate-Magazine seine Bedenken über das Investment des mexikanischen Geschäftsmannes Carlos Slim in das Unternehmen, das auch die New York Times herausgibt, nieder:

"Let's face it. The New York Times would never strike a deal with a U.S. tycoon of a similar profile, for fear of triggering real or apparent conflicts between the newspaper's coverage and the investor's interests. Not that you could ever find such a U.S. tycoon: The conglomerate of Slim-controlled telecom, banking, tobacco, retailing, insurance, construction, and other interests has been estimated to add up to 7 percent of Mexico's GDP."

Dabei macht Martinez klar, dass er in keiner Hinsicht eine antikapitalistische Sichtweise einnehmen will. Doch verweist er auf einen Artikel im Wall Street Journal, in dem sein Aufstieg zum Reichtum nachgezeichnet wird. Zum Konzern gehören über 200 Firmen in den unterschiedlichsten Branchen, sodass"[i]t's hard to spend a day in Mexico and not put money in his pocket." Die in Mexiko aufgebauten Monopole bedrohen dabei auch die Demokratie im Land:

"Congress routinely kills legislation that threatens his interests, and his firms account for a chunk of the nation's advertising revenue, making the media reluctant to criticize him."

Dabei scheint seine Geschäftsstrategie typisch Hedge-Fund zu sein: Firmen aufkaufen und aufpäppeln - nur dass er sie dann augenscheinlich nicht verkauft, sondern danach seine Mitbewerber aus dem Feld drängt. Dies liegt allerdings im Wesen der (freien) Marktwirtschaft. Nur bleibt eben das Problem des Monopols: Der fehlende Wettbewerb lässt die Preise für Telekommunikation so hoch bleiben, dass Mexiko schlechter als vergleichbare Staaten vernetzt ist.

Der Grund für den rasanten Aufstieg Slims liegt dann offenbar eher in der Freundschaft zu einem mexikanischen Politiker:

"Despite his abilities, many here believe his biggest break was the rise to power in 1988 of Carlos Salinas [Präsident von 1988 bis 1994], a Harvard-educated technocrat bent on modernizing the country. The two men had struck up a friendship in the mid-1980s, and Mr. Salinas spoke of Mr. Slim as the country's brightest young businessman."

und in der vollständigen Abwesenheit von Regulierung:

"Attempts to regulate Mr. Slim's companies have largely failed over the years. Mexico's telephone regulator, Cofetel, was so weak in the 1990s that Telmex's rivals dubbed it 'Cofetelmex.' When the regulator did try to act, Mr. Slim's lawyers blocked it in the country's Byzantine courts."

Aber Martinez will nicht darauf hinaus, wie Slim sein Geld verdient hat, rechtens oder mit zweifelhaften Methoden:

"It's whether the New York Times really wants to tie its reputation so closely to his. Was there really no one else who had a quarter of a billion dollars to spare?"

Denn das eigentliche Problem, so Martinez, ist, dass man nicht beweisen kann, dass Slim keinen Einfluss auf die Inhalte der Zeitungen nimmt:

"I know from experience that publishers do intervene in the editorial process, as is their prerogative. And I can assure you that Slim's investment will be a factor, even if unspoken, in editorial decision-making henceforth at the Times. Perhaps Mexico's crony capitalism will remain a mostly neglected topic—but now conspiracies will be read into the neglect. [...] It becomes easier for him to write off his critics in Mexico as perennially frustrated leftist whiners. If any of what they alleged were true, after all, would the enlightened and liberal New York Times allow him to become one of its largest shareholders?"

(Wohlgemerkt, ihm steht kein formaler Einfluss durch seine Aktien zu. Die alleinige Verantwortung trägt nach wie vor die Familie Sulzberger.) Komischerweise ist von alldem wenig zu lesen in dem Artikel der taz zum "Niedergang der New York Times". Dort werden immer noch die Zahlen aus dem Atlantic Monthly-Artikel benutzt. Von der Lösung dieses Problems erfährt der Leser hingegen nichts.

Am 15. Februar nun versucht die New York Times genau das, worüber sich Jack Shafer bei Slate ausließ: "the Times being damned if it covers him and damned if it doesn't." Nach der obligatorischen Erwähnung des Investments Slims in der NYTimes charakterisiert der Autor auch den Stil seines Umgangs mit den Medien:

"With telecommunications, retailing and construction companies under his command, Mr. Slim looms large over the media landscape in his country. Notoriously thin-skinned, he does not have to pick up the phone and bellow at those who publish and broadcast something he does not like. His vast resources often translate into less-than-critical coverage."

Geschildert wird dann auch, wie der Deal zwischen dem Zeitungshaus und Slim eingefädelt wurde - allem Anschein nach kam die Initiative von der Zeitung. Neben dem Geschäftsinteresse, das Slim verfolgt, hat das Investment aber auch einen Imagegrund:

"Besides the financial benefits, those who know Mr. Slim also see in the deal an effort to bolster his reputation by linking himself with a well-known brand."

Die Verbindung lässt also das Problem ganz offenbar werden: Wenn über verschiedene neue Erlösmodelle für Printprodukte nachgedacht wird, kann auch die Unterstützung durch sehr reiche Privatpersonen dazu gehören, die sich dadurch einen Gewinn für ihr Image versprechen mögen und einfach, wie bei normalen CSR-Aktivitäten, einer Art öffentlichen Verantwortung als Staatsbürger nachkommen. Dass die journalistische Unabhängigkeit dadurch gefährdet werden kann, kann das der Grund sein, dieses Engagement abzulehnen? Und zu welchem Preis? Wieviele andere ultrareiche Personen auf der Welt gibt es, die für 250 Mio. Dollar Anteile der renommiertesten Zeitung der Welt kaufen (könnten), ohne dass dies in irgendeiner Weise mit der Herkunft dieses Vermögens interferierte? Allein durch ihren Reichtum und den dadurch möglichen Einfluss, den solche Menschen ausüben können, haben Informationen sie betreffend Nachrichtenwert.

Journalistische Suchmaschinenoptimierung

Peter Glaser schreibt:

"Wo noch Redakteure an der Arbeit sind, versuchen sie nun, nicht mehr primär für menschliche Leser zu schreiben, sondern für die Maschine. Texte werden so geschrieben, dass Google sie findet, mit einfachen Schlüsselworten im Titel und einfachen zugehörigen Begriffen im Text. Die kulturlose Suchmaschine versteht beispielsweise keine Wortspiele oder andere elegante Formen des Formulierens."

Und dann liest man einen Text wie den des Schriftstellers Franzobel in der FR:

"Die Orgie ist zumindest ihrer Idee nach ein Aufbegehren gegen die Kommunikationslosigkeit, gegen das monadische Dasein des Einzelnen. Es kommt zu einer wechselseitigen Durchdringung mit anderen als auch mit dem Cosmos - oder, um es mit Freud zu sagen, das Es trifft das Über-Ich und geht stiften."

Das wollen wir nicht, dass sowas untergeht!

Tuesday, February 17, 2009

Und wir danken Wolfgang Ullrich

Endlich mal kurz, klar und knapp:

"Heutiges Produktdesign hat auch in vielen anderen Bereichen die Neigung, Tätigkeiten einseitig überzuinterpretieren. Die Absicht, den Konsumenten zum Experten, Profi oder Freak zu adeln, ja das Verlangen, selbst banale Aktivitäten zu emotionalisieren und in reißerische Events zu verwandeln, führt zu Produkten, die eine beiläufige Nutzung gar nicht zulassen. Ob es sich um einen Toaster oder einen Herd, Turnschuhe oder technische Geräte handelt: Wer etwas sucht, das 'einfach so' handzuhaben ist, tut sich schwer."

Oder: Gute Nacht, Emotionalisierung bei Kroeber-Riel. Aber das werde ich wohl nicht mehr erleben.

Tuesday, February 3, 2009

Umbruch in der Zeitungsbranche

Die großen Zeitungen müssen sparen. Der Online-Klatschtempel Gawker hat dazu aufgerufen, unsinnige Sparzwänge, die in Unternehmen (das ist keineswegs auf Verlage beschränkt) verhängt werden, zu melden. Diese werden dann, unter dem Label "Recessionomics", veröffentlicht. Unter dem Titel "Possibly The Most Enraging Newspaper Memo Yet" veröffentlichen sie die Richtlinien der South Bend Tribune. Der Herausgeber ("editor") weist darin an, nicht nur an ihn, sondern an mindestens vier weitere Herausgeber ein bis ins kleinste aufgeschlüsselte Liste der am Tage erledigten Aufgaben - selbst der kleinsten - sowie eine Liste der am nächsten Tag anstehenden Tätigkeiten. Es folgt dann eine Beschreibung in 375 Worten. Ziel ist die Steigerung der Produktivität.

Der Silicon Alley Insider hat berechnet, dass anstatt der jährlichen Kosten für Druck und Vertrieb der New York Times, die Zeitung jedem Abonnenten einen Kindle-Reader schenken könnte und noch enorm viel Geld übrig bleiben würde:

"Are we trying to say the the New York Times should force all its print subscribers onto the Kindle or else? No. That would kill ad revenues and also, not everyone loves the Kindle.

What we're trying to say is that as a technology for delivering the news, newsprint isn't just expensive and inefficient; it's laughably so."
(via Dirk von Gehlen)

In einem schönen Stück in der Zeit hat Gero von Randow über den geplanten Rettungsplan des französischen Präsidenten Sarkozy für die Branche geschrieben:

"Frankreich zahlt bereits die höchsten Pressesubventionen Europas, sie belaufen sich auf acht Prozent vom Umsatz. Dennoch geht es der Presse des Landes besonders schlecht. Was sich mitnichten nur auf die schlimmen Zeiten schieben lässt. [...] Herstellung, Verbreitung, Verkaufspreise, alles liegt weit über dem europäischen Durchschnitt. Die Folge: Fast nirgendwo verdient ein Zeitungsverkäufer so wenig wie in Frankreich. Ein Gesetz aus dem Jahr 1947 zwingt ihn überdies, jedes noch so kleine Blatt anzubieten."

Das alles war mir neu. Neben der Unterstützung für den Vertrieb der Zeitungen soll es auch Gratis-Abos für Minderjährige Leser geben. Anlässlich dieser Meldung hat der Tagesspiegel die Subventionslage in verschiedenen europäischen Staaten untersucht. Der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Zeitungsverlage sagt dazu:

"Gleichwohl erwarten wir Zeitungen keine Subventionen vom Staat - wir erwarten aber gute Rahmenbedingungen!"

Bleibt die Frage, ob Zeitungen nicht, wie viele andere Unternehmungen, auch Objekt einer Art Image-Investement sein können: Corporate Social Responsability. Der Milliardär Carlos Sims hat 250 Millionen Dollar in die New York Times investiert (wie er sagt), um die 400-Millionen-Dollar-Umschuldung im Mai zu gewährleisten. Wäre doch aber eigentlich ganz nett, wenn sich ein großer Unternehmer eines profilierten Medienunternehmens annehmen würde. Dies stellt zwar die Unabhängigkeitsfrage. Gleichzeitig scheint es nicht undenkbar, dass das funktionieren könnte.

Wednesday, January 21, 2009

Barney Frank

In zwei großen amerikanischen Zeitschriften gab es kürzlich Portraits über Barney Frank, den derzeitigen Vorsitzenden des Finanzausschusses im amerikanischen Kongress. In dieser Funktion war er der Beauftragte der Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, für die Verhandlungen über die Lösung der Bankenkrise und allem, was damit zusammenhing, mit der Administration des (Ex-)Präsidenten Bush. Dies war wohl auch der Anlass für die Reportagen.

Im New Yorker schreibt Jeffrey Toobin:

"For the first time in more than forty years of public life, Frank has real power [...]."

Dieser Bericht macht wirklich Spaß zu lesen und belebt einen grundlegenden Glauben in die Demokratie - der Mann scheint kompetent, sozial verantwortlich, aber überzeugter Kapitalist zu sein. Pelosi selbst wird zitiert mit den Worten:

"'He’s solution-oriented, respectful of different perspectives, and brilliant. And it’s brilliance that saves time, because he simplifies the complex for us. He is an enormously valuable intellectual resource for the Congress.'"

Er war der erste Kongressabgeordnete, der sich (1987) aus freien Stücken als homosexuell bekannte. Der Bericht im New Yorker erzählt dann eigentlich die Immobilienkrise der vergangenen anderthalb Jahre aus der Sicht bzw. durch die Brille von Barney Frank und abwechselnd dazu seinen Aufstieg im amerikanischen Politikbetrieb. In Anbetracht der Tatsache, dass Frank den Vorsitz des Finanzausschusses im Februar 2007, also vor dem eigentlichen Zusammenbruch des Immobilienmarktes übernahm, war auch Thema eines Interviews mit dem rechtskonservativen Bill O'Reilly:

Im New Yorker heißt es dazu:

"'I will acknowledge that during the twelve years of Republican rule I was unable to stop them from impeaching Bill Clinton,' Frank went on. 'I was unable to stop them from interfering in Terri Schiavo’s husband’s affairs. I was unable to stop their irresponsible tax cuts, the war in Iraq, and a Patriot Act that did not include civil liberties.' In other words, Frank insisted, if the Republicans had wanted to try to prevent the mortgage crisis, they would have had plenty of opportunities to do so."

Dass es für den Mann dennoch nicht ganz einfach gewesen sein dürfte in all den Jahren, belegt ebenfalls ein direktes Zitat aus dem Text:

"'Barney is a real capitalist,' Joe Corcoran, the developer who took over Columbia Point [a public-housing project], told me. 'He understands that we have to make a profit. Barney is the smartest politician I’ve ever seen. I have no problem with him being gay, or being Jewish. I like Jews. I like doing business with Jews. They know how to make a deal.'"

Some of my best friends are, oder Philosemitismus, oder was ist das? Der Artikel lässt das unkommentiert stehen. Angesprochen wird auch, dass Newt Gingrich, ehemaliger Sprecher des Repräsentantenhauses, der Überzeugung war, Barney Frank hasse ihn. Was man verstehen kann, wenn man sowas hört:

"Still, Frank is uncharacteristically hopeful about the future, including gay rights. 'We’re going to do three things in Congress,' he told me. 'First, a hate-crimes bill—that shouldn’t be too hard. Next, employment discrimination. We almost got that through before, but now we can win even if we add transgender protections, which we are going to do. And finally, after the troops get home from Iraq, gays in the military. The time has come.'"

Ein sehr interessantes Stück kann man dann lesen, wenn es um die Abstimmung des 700-Milliarden-Dollar-Paketes im amerikanischen Kongress sowie die vor- und nachherigen Verhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern geht:

"Frank laid out the provisions that the Democrats wanted in a bailout bill: equity for the taxpayers, like any other investors; a program to limit foreclosures for beleaguered homeowners; compensation reform for executives at companies receiving bailout funds; and strict congressional oversight of the whole process. Two days later, on Saturday, September 20th, the Treasury Department sent Congress a formal proposal of sorts. In a text just three pages long, the Treasury asked for seven hundred billion dollars from Congress but provided few details about how the Administration would spend the money. 'It was just ridiculous,' Pelosi told me. 'They wanted us to surrender all authority and give them seven hundred billion dollars.'"

Der Artikel im Portfolio-Magazine von Andrew Rice legt im Gegensatz (er ist vor allem ein ganzes Stück kürzer) zum New Yorker zu Beginn eher Gewicht auf die Einordnung der Bedeutung des Financial Committees:

"Congress, led by Frank’s committee, is now in the process of deciding the future regulatory structure of Wall Street, the pay of investment-banking executives, the fate of Detroit’s Big Three automakers, and how many homeowners will face foreclosure."

Gleichzeitig kommen die im New Yorker nur angerissenen Ängste der Wall Street etwas mehr zur Geltung:

"Friedman [ehemaliger Vorsitzender von Goldman Sachs], like other Wall Street elders, has suggested postponing changes until both markets and emotions have stabilized and appointing a 'blue ribbon' panel (classic Washington-speak for punting on a tough issue) to study possible strategies. Frank says such an idea is 'nonsense.' He has no sympathy for the hedge fund managers and other financial wizards who invented what he calls 'magical money machines.'"

Man erfährt auch, wie sehr Politik letztendlich (immer wieder) abhängig davon ist, dass in manchen Situationen zwei Menschen gut zusammen arbeiten können, weil ihnen gelingen kann, was ohne gute Zusammenarbeit eventuell nicht gelungen wäre. Hier geht es um die Kooperation zwischen Barney Frank und dem amerikanischen Finanzminister Henry Paulson:

"The two men consulted on a daily basis during critical periods of the crisis, sometimes face-to-face, more often in impromptu phone calls. They communicate very differently: Paulson sometimes descends into halting jargon, while Frank can cram three sentence fragments into one breath. But a trusting relationship was formed. When Paulson said he needed $700 billion, it was Frank who expended the mighty effort to persuade resistant House Democrats. [...] 'When I talk to him about the markets, I know he immediately gets it,' Paulson told me at the height of the crisis. 'And he has been consistently right in the advice he has given me about politics.'"

Tuesday, January 20, 2009

Wissenschaftliche Kaffeesatzleserei

In einem Kommentar zu einer Publikation kürzlich im Titel-Magazin schrieb Thomas Rothschild: 

"Zeitungen und Zeitschriften müssen gefüllt werden. Deshalb geben sie ständig Antworten auf Fragen, die sie sich selbst stellen. Aber die Antworten gehen über das Niveau der Kaffeesatzdeutung nicht hinaus. Tag für Tag wird als Gewissheit ausgegeben, was lediglich Vermutung, Behauptung ist. Mit Wissenschaft hat das so viel zu tun wie das Bremsgeräusch eines LKW mit Musik."

Auch ohne den Hintergrund des Artikels, die Neoliberalisierung von Altlinken, dabei zu benötigen, spricht dies ein aktuelles Problem an: Bei der Gratwanderung zwischen Arkanwissen aus dem Elfenbeinturm und Populärwissenschaft werden wissenschaftliche Erkenntnisse teils derart vulgarisiert, dass man für deren Vermittlung dann auch keine Professoren (oder -innen) mehr braucht.

Ein schönes Beispiel lieferte dafür kürzlich Professor Norbert Bolz in einem Interview in der Berliner Zeitung (hier stellte er sich die Fragen also nicht selbst). Anlässlich der Diskussion um 25 Jahre Privatfernsehen äußert er gleich zu Beginn, als hätte es weder eine konstruktivistische Medientheorie noch eine Cultural Studies Fernsehforschung je gegeben:

"Der Vorteil für den Zuschauer ist die Prämie der Passivität. Er wird nebenher berieselt, Walter Benjamin hätte das 'zerstreute Rezeption' genannt. Man bekommt als Konsument beiläufig alles mit: Was in New York los ist, wie es zwischen Männern und Frauen läuft, wie Obamas Frau aussieht. Durchs Fernsehen lernt man die Welt kennen. Der Nachteil: Fernsehen ist ein Oberflächenmedium, ohne jegliche Tiefe."

Als Walter Benjamin noch lebte, gab es schlicht noch kein Fernsehen, und es ist unglaubwürdig, dass sich nach Benjamin niemand mehr mit einem bedeutenden Beitrag zur Rezeption des Fernsehens gemeldet hätte. Als nächstes folgen dann, natürlich, Adorno und Postman:

"Der Kulturauftrag des Fernsehens ist nichts weiter als ein Phantasma."

Das kann man denken, man kann auch anderer Meinung sein, auch wenn in diesem Fall jegliches Gegenargument sofort als weltfremd abgetan werden kann. Aber was folgt, ist dann schon recht unglaublich.

"Sie [die privaten Fernsehkanäle] haben in gesundem Realismus das Wichtigste klargestellt: Es zählt nur die Quote. Hätten die öffentlich-rechtlichen Sender den Mut eines Don Quichotte besessen, und die Quote missachtet, wäre vielleicht alles anders gekommen. Sie könnten es, denn das Geld ist ja bei ihnen. Aber sie fingen sofort auch an, nach der Quote zu schielen, da ist es zwischen Privaten und Öffentlich-Rechtlichen zur Ununterscheidbarkeit gekommen. Von heute aus gesehen war das richtig, denn das Fernsehen ist nicht mehr das Leitmedium."

Abgesehen davon, dass es Menschen und nicht die Kanäle waren, die irgendwas klargestellt haben, scheint sich die Argumentation wie folgt aufzubauen: Wären die öffentlich-rechtlichen Kanäle vollkommen weltfremd gewesen und hätten sie gegen Windmühlen gekämpft, gegen also eigentlich real nicht existente Phantasmen, dann, ja dann wäre vielleicht alles ganz anders gekommen. Die Ununterscheidbarkeit zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Anstalten ist eher behauptet (bei den Sparten- bzw. Regionalkanälen liegt die Unterscheidbarkeit auf der Hand, vgl. Phoenix oder 3sat, aber auch bei den Generalisten ist doch immer noch ein Unterschied zu bemerken), wenn man eine gewisse Annäherung auch nicht einfach vom Tisch wischen kann. Zumal Bolz selbst nur einige Absätze weiter unten sagt:

"Die Öffentlich-Rechtlichen stecken in viel engeren Geschmacksgrenzen fest."

Am überraschendsten erscheint mir aber die Volte, die Bolz am Ende schlägt: Die Konvergenz des Maßstabs Quote für sowohl öffentliche als auch private Anstalten war richtig, weil das Fernsehen heute nicht mehr das Leitmedium ist? Ist es richtig, weil infolgedessen das Fernsehen seinen Status als Leitmedium verloren hat? Oder ist es richtig, weil Quote auch bei allen zukünftigen medialen Kanälen der Maßstab sein wird, auch jetzt, wo das Fernsehen nicht mehr das Leitmedium ist? Und was hat das eine mit dem anderen zu tun? You lost me there.

Danach widerspricht sich Bolz scheinbar sogar, wenn er auf die Frage 

"Hat das Privatfernsehen die Öffentlich-Rechtlichen gezwungen, ihr Profil zu schärfen?"

behauptet:

"Auf jeden Fall. Der 'Tatort' ist politisch korrekter geworden, 'Anne Will' ist schärfer als 'Christiansen' es war."

Damit hätte die Konkurrenz ja, zumindest in einigen Fällen, sogar zu einer größeren Unterscheidbarkeit geführt, denn an political correctness ein privates Programm zu messen, scheint mir in den meisten Fällen vertane Zeit.

Im Anschluss bezeichnet Bolz die Privaten auch als Trendaufspürer und Trendsetter:

"Hauptsächlich RTL hat richtige Spürnasen, die jeden Trend im Ansatz erfassen, prüfen und dann mit unternehmerischem Mut, manchmal auch Wagemut, koppeln und ins Programm nehmen."

Die Zeit schrieb über Bolz mal "Trendforscher kennen Herrn Bolz als Philosophen; Philosophen kennen ihn als Trendforscher", deswegen sollte man davon ausgehen, dass daran irgend etwas bedenkenswert ist. Stefan Niggemeier schrieb zur Verleihung des Preises "Medienfrau des Jahres 2008" an Anke Schäferkordt, Geschäftsführerin von RTL:

"Man kann den von ihr geleiteten Sender RTL zum Beispiel dafür bewundern, wie er es geschafft hat, angesichts einer sich ganz von allein zerbröselnden Konkurrenz, einfach stillzuhalten und auf eigene Ideen, Impulse und Risiken zu verzichten. [...] Und bestimmt findet man in einem Jahr, in dem die Quoten für RTL fast durchweg schlechter waren als im Vorjahr, auch eine Ausnahme, die man hervorheben kann."

Ich habe seit Jahren kein RTL geschaut, aber das klingt nicht nach Wagemut. Aber der brave Roland Mischke fragt nach:

"Meinen Sie Sendeformate wie 'Big Brother' und die 'Dschungelshow'?"

Darauf Bolz:

"Zum Beispiel. Unglaublich, dass das funktioniert hat. Echtes Leben, echte Gefühle, wahre Intimität."

Unglaublich oder nicht. Aber "echt"? Damit möchte ich nicht auf das Authentizitätsproblem hinaus, sondern lediglich die begriffliche Unschärfe von Bolz kritisieren. Das ist zwar sehr leicht lesbar, setzt sich aber der Gefahr der vollkommenen Unseriösität aus.

Ich bezweifle, dass durch eine solche Vermittlung irgendeiner der Leser eine zusätzliche Information erhalten hat. Und wenn das nach Jahrzehnten der Rezeptionsforschung in der Öffentlichkeit kommuniziert wird, dann verliert das Fach einfach seine Existenzberechtigung.

Saturday, January 17, 2009

Porträt des russischen Verlegers Boris Giller

Sonja Zekri hat in der Süddeutschen Zeitung ein sehr schönes Portrait über den russischen Verleger Boris Giller, der vor allem regionale Zeitungen vertreibt, geschrieben:

"'Die Menschen kaufen meine Zeitungen, also kriege ich Anzeigen', sagt er: 'Anzeigen bringen Geld, also drucken wir, was die Menschen lesen wollen.' Nämlich? 'Die Wahrheit.' So simpel ist sein Businessplan."

Die derzeitige Situation der Presse in Russland wird folgendermaßen beschrieben:

"Auch Moskauer Wirtschaftsblätter wie der Kommersant oder Wedomosti, das Wochenblatt Nowaja Gaseta oder die Zeitschrift Nowoje Wremja lassen kein gutes Haar am Kreml. Russland ist nicht Nordkorea, zwar ist das Fernsehen staatstreu bis zur Lähmung, aber das Internet ist frei, und die Presse liegt irgendwo dazwischen. Doch die Strahlkraft der liberalen Hauptstadtpresse dringt selten über den Moskauer Autobahnring hinaus. Giller informiert die Provinz, aus Geschäftssinn und aus Liebe."

Und soll man sich bei der Prognose für die Zukunft freuen oder fürchten?

"Seine vorläufige Prognose für Russland, für die Krise, für die Pressefreiheit? Da hat er nachgedacht, gegrinst und schließlich gesagt: 'Es wird schlimmer. Und dann wieder besser.'"

via perlentaucher

Friday, January 16, 2009

Verkauf (fast) perfekt: Berliner Zeitung bei DuMont Schauberg

Anfang der Woche wurde es beschlossen und verkündet, jetzt müssen "nur" noch das Bundeskartellamt und die Gesellschafterversammlung des Mecom-Konzerns zustimmen: der Verkauf der Berliner Zeitung, des Berliner Kurier, der Hamburger Morgenpost, des Berliner Abendblattes, der Stadtzeitung tip sowie der Netzeitung an den Verlag DuMont Schauberg.

Der neue Besitzer hat seinen Schwerpunkt im Kölner Raum - zu ihm gehören der Kölner Stadt-Anzeiger, die Boulevardzeitung Express, die Kölner/Bonner Rundschau -, außerdem die Mitteldeutsche Zeitung. Ein Einspruch des Kartellamtes ist deswegen nicht wahrscheinlich. Der Verlag ist aber auch an der Frankfurter Rundschau beteiligt, die von dem ehemaligen Chefredakteur der Berliner Zeitung, Uwe Vorkötter, geleitet wird. Dies hat zu Spekulationen geführt, beide Redaktionen bekämem einen gemeinsamen Newsdesk.Dem wird unter anderem in der Frankfurter Rundschau widersprochen.

Nach etwa drei Jahren unter Mecoms Dach wird vom Betriebsrat (in der FAZ zitiert) bilanziert: „Keine Investitionen in Marken, Personal, Technik und Unternehmen, keine Print- und Onlinekonzepte. Stattdessen irrationale Umsatzvorgaben und ständiger Schuldenzuwachs, Rücklagen geplündert, Gewinne abgezogen.“

"Erleichterung" nennt es demzufolge auch Thomas Rogalla in einem Gespräch auf Deutschlandradio Kultur, was bei den Mitarbeitern herrsche. Warum sich, wie er äußert, allerdings Geld verdienen und eine Zeitung machen widersprechen sollen, weiß ich nicht. Die Berliner Zeitung macht ja immer noch Profit.

In der FAZ herrscht Verwunderung über die Expansion des Verlags: "Der 81 Jahre Familienpatriarch Alfred Neven DuMont setzt im bröckelnden deutschen Zeitungsmarkt stärker als alle seine Konkurrenten auf Wachstum. 'Fressen, um nicht gefressen zu werden', umschreibt ein anderer Großverleger die Strategie des Seniors, der in Köln noch immer das letzte Wort hat."

Die NZZ differenziert: "Nach seinem Abgang werden sich die besorgten Branchenbeobachter vermehrt mit der Tatsache konfrontieren müssen, dass die einheimischen «klassischen» Medienmanager nicht wirklich zimperlicher als der Mann von drüben vorgehen." Immerhin war in den vergangenen Tagen ja auch überall zu lesen, wie Gruner und Jahr die Redaktionen von FTD, Capital, Börse Online und Impulse zusammenlegt. Im Blog "Die Dschungel. Anderswelt" war kürzlich zu lesen, dass "[...] die FAZ momentan kaum mehr mehr als 50 ct/Zeile bezahlt, und zwar: bezahlen k a n n [...]".

In der Süddeutschen Zeitung ist jetzt ein Porträt von Neven DuMont erschienen: "Auch wenn, so Neven DuMont, die Wirtschaftskraft nicht mit München, Hamburg, Frankfurt oder Köln vergleichbar sei: 'Berlin ist aufregender als jede andere deutsche Stadt.' [...] Die Zeitung ist für Neven DuMont Kulturgut, sie wird nicht vorwiegend aus finanziellen Gründen gemacht. Natürlich muss die Kasse stimmen und auch M. DuMont Schauberg baut Personal ab. Daran, so Neven DuMont, komme derzeit kein Verlag vorbei. Doch die publizistische Qualität war ihm immer genauso wichtig wie der Profit."

Da ist er also, der "echte Verleger", wie ihn auch die Betriebsratsvorsitzende der BVZ Deutsche Mediengruppe, Renate Gensch, nennt. Diese Idee kritisiert Thomas Knüwer im Handelsblattblog: "Der Schriftsteller Arno Schmidt berichtete einst über seine Erfahrungen mit der Presselandschaft im Wirtschaftswunderland: 'Alle Verleger sind Schufte'. Und angeblich war es Kurt Tucholsky, der sagte: 'Die Verleger schlürfen aus den Hirnschalen ihrer Autoren Champagner.' Verbürgt ist wohl seine Äußerung, dass der deutsche Zeitungsverleger ein 'ängstlicher Mann' sei: 'er will Geld verdienen, was ihm kein Mensch übelnimmt, und er will nur Geld verdienen, was ihm sehr übel zu nehmen ist.'"

Er schließt: "Was Zeitungen heute brauchen, sind nicht mehr Verleger, sondern bessere Geschäfts-Führer. Dabei ist es unerheblich, ob diese nun über Eigentümerschaft gleichzeitig Verleger sind. Wichtiger ist, dass sie sowohl führen können, als auch Branchenwissen und Weitblick haben. [sic!] Dass sie integer sind und klar denken. Sprich, dass sie 'echte Manager' sind. Sie sollten wir uns herbeiwünschen, statt irgendwelchen Traumbildern hinterherzujammern."

Ich bin gespannt, wie sich die Berliner Zeitung, an der vor allem mein Herz hängt, im noch frischen Jahr entwickeln wird.

Thursday, January 15, 2009

Lloyd Grove: Sumner's Discontent

Im aktuellen Portfolio-Magazin befindet sich ein sehr lesenswertes Porträt (Autor: Lloyd Grave) des Präsidenten (für chairman gibt es die Übersetzungen Vorstandsvorsitzender und Aufsichtsratsvorsitzender) der beiden Medienkonzerne Viacom und CBS, Sumner Redstone, über den ehemalige Mitarbeiter sagen:

A former Viacom executive calls him “a scumbag,” while another claims he’s “the most egocentric human being you could ever run across.”

“There’s a group of people he says are his friends,” adds this former Viacom executive, “who would happily cut his heart out with a rusty knife.”

Etwas unheimlich, dass ein so alter und offenbar weitgehend beratungsresistenter Mann wie Redstone solche riesigen Konzerne führt.

(via perlentaucher)

Wednesday, January 14, 2009

Jean-Patrick Manchette: Morgue pleine

Ein Hard-boiled Krimi auf Französisch? Ja, das geht. In einer älteren Version von 1992 bei Lübbe hieß er "Sieben Stufen zum Himmel", der Distel-Verlag bringt die Werke wieder auf den Markt. Sie haben sogar eine Webseite für ihn gestaltet. Hier heißt er in der wörtlichen Übersetzung "Volles Leichenhaus".

Es geht um den abgehalfterten (wie auch sonst) ehemaligen Polizeikommissar Eugène Tarpon, der Privatdetektiv geworden ist, dessen Geschäfte aber derart schlecht laufen, dass er seine Wohnung (die auch sein Büro ist) auflösen will und seine Mutter anruft, er ziehe wieder zu ihr. In der letzten Nacht vor seiner Abfahrt aus Paris überschlagen sich dann die Ereignisse - erst will ihn ein Bekannter überreden, bei einer Firma namens Encadrement et Surveillance Industrielle, die sich vor allem dadurch auszeichnet, dass das personnel exclusivement francais ist, mitzuarbeiten (er schmeißt ihn raus). Dann besäuft sich Tarpon. Nachts klingelt ihn ein verschreckter Musiker raus, dessen Klub von Mafia-Typen bedroht wird. Bevor Tarpon auch ihn rausschmeißt, schlägt er ihn zusammen. Er betrinkt sich weiter. Dann wird er erneut geweckt, von einer Frau, die behauptet, ihre Mitbewohnerin sei ermordet worden. Er empfiehlt ihr, zur Polizei zu gehen.

Natürlich wird er auch sie los, sie lässt es sich aber nicht nehmen, vorher ihn zu vermöbeln. Als er aufwacht, entschließt er sich, dem Hinweis doch zu folgen. Die Mitbewohnerin der Frau ist tot, die Frau selbst, sie heißt Memphis Charles, ist verschwunden.

Damit beginnt dann ein ganz typischer Hard-Boiled-Krimi:

"Il a commencé à rire d'un rire qui promettait d'être long et qui n'as pas tenu ses promesses." (S. 61)

"Un Beretta, à ce qu'il m'a semblé, et du petit calibre, sans doute encore du 22. C'étaient de grands amoureux du 22, ces zèbres, c'est-à-dire qu'ils étaient trop sûrs d'eux ou qu'ils tiraient vraiment très bien. Je penchais pour la seconde hypothèse parce que je suis impressionable." (S. 85)

Im weiteren Verlauf wird Tarpon mehrfach entführt, bringt ein paar Leute um, und die schöne Frau ist am Ende gar nicht wirklich schuld. Dieser Stil ist äußerst unterhaltsam und, das Buch stammt von 1973, gut abgehangen. Neu ist er nicht. Und so stellt sich immer wieder mal der Gedanke ein, dass man vermutlich kein zweites Buch von diesem Autoren lesen wird, oder aber vielleicht sein letztes, weil man hofft, dass sein Stil sich verbessert hat über die Jahre (Manchette starb bereits 1995).

Wir lesen aber in einer Rede von Tobias Gohlis zum 10. Todestag Manchettes folgendes:

"Sieht man einmal von zwei Romanen ab, in denen er die Figur des Privatdetektivs zu einer ziemlich desaströsen und erfolglosen Aktivität erweckt, verzichtet er ganz auf diese heroischen Figuren, deren Trunksucht, Melancholie und Treue zum Auftraggeber von den auf wenige Individuen beschränkten Restbeständen einer untergegangenen Moralität künden. [...] Manchettes Gespür für Aktion, für Timing, für Atmosphäre und Szene ist unübertroffen. Sein karger Stil, der von jeder Sentimentalität entschlackt ist, entfaltet ein ungeheures Tempo. Seine Plots entbehren jeder, aus den Fernsehserien bis zum Erbrechen bekannter, Vorhersehbarkeit. Nichts verläuft erwartungsgemäß - obwohl keiner der Beteiligten es schafft, den Schatten seiner vorherbestimmten Rolle, sein soziales Romanschicksal, zu überspringen."

Geben wir also einem anderen Roman eine Chance, wenn sich die Gelegenheit bietet.

Best of Feuilleton 2008

Der Blog Umblätterer, der die Feuilletons der deutschen Tageszeitungen nicht nur präsentiert, sondern auch bewertet, hat zum Beginn des Jahres 2009 ein Best-of von Feuilleton-Artikeln des Jahres 2008 veröffentlicht: "Wir interpretieren das Feuilleton als nicht enden wollenden Gegenwartsroman, mit all seinen literarischen Glanzpunkten und inhaltlichen Schrecklichkeiten. Und dem schönsten aller Texte wollen wir endlich einen Titel verleihen."

Sehr lesenswert sind tatsächlich einige dieser Artikel:

Alex Rühle schreibt über den furchtbaren Jargon der meisten Literaturkataloge:

"Fangen wir also mit dem Offensichtlichsten an, den Adjektiven. Bücher werden eigentlich ausschließlich mit Adjektiven beworben.Und zwar mit so vielen, dass man am Ende kein einziges behalten hat. 

Ein Beispiel, beliebig herausgegriffen. Suhrkamp behauptet, Hans-Ulrich Treichels neuer Roman 'Der Papst, den ich gekannt habe' sei beschwingt, ironisch, herrlich komisch, leichtfüßig und verstörend, unwiderstehlich, fragil und berauschend schnell.

[...]

Oder [...] Schopenhauers 'Parerga und Paralipomena' lesen. Darin heißt es, genauso schwer wie die Kunst des Lesens sei 'die Kunst, nicht zu lesen: Um das Gute zu lesen, ist eine Bedingung, dass man das Schlechte nicht lese: denn das Leben ist kurz, Zeit und Kräfte beschränkt.'"

Benjamin von Stuckrad-Barre, der offensichtlich reifer geworden ist und nicht mehr ganz so furchtbar widerlich wie etwa in Livealbum, das stilistisch mit dem Artikel am ehesten verwandt sein dürfte (zumindest von den Sachen, die ich von ihm kenne), rezensiert eine Lesung von Roger Willemsen, Claus Peymann und Charlotte Roche ohne Charlotte Roche:

"'Schönberg sagt', sagt jetzt der angemessen ratlos zwischen den beiden Rampenradikalen auf dem Podest sitzende Ersatz-Hermann Beil, im Hauptberuf Peymanns Dramaturg, 'ich bin immer gegen den Strom geschwommen'. Willemsen nickt."

[...]

"Aber das Godesberger Programm mit der Überschrift 'radikal' zu versehen, da ist Willemsen zu Recht sicher, das ist eine nachvollziehbare Turnübung, da denken dann alle: Huch! Echt, das steht da? Na, das klingt ja nach akutem Lafontaine! Denken wir nur an die SPD dieser Tage, ihren Bahn-Privatisierungs-Spagat, also, denk, denk, ist es denn die Möglichkeit, chapeau - radikal, das mal so zu sehen!"

Saturday, January 10, 2009

Die Zukunft der New York Times

Ich gebe zu, ich habe gestern als Nachricht bezeichnet, was ein langer und komplexer Artikel ist, den ich aber erst heute komplett gelesen habe. Michael Hirschorn nimmt lediglich die rein hypothetische Möglichkeit, dass die New York Times im Mai 2009 pleite gehen könnte - er selbst nennt direkt im Anschluss verschiedene Gegenmaßnahmen -, als Anlass für eine Betrachtung des Nebeneinander von Print- und Onlinejournalismus.

Er schreibt:

"But the business strategy of The New York Times, as practiced since Abe Rosenthal’s editorship in the early ’70s, when New York magazine first threatened the daily’s stranglehold on the city’s lumpen upper-middle class—and as imitated by countless papers around the country—has undermined the perceived value of serious newspaper journalism as well. Under the guise of “service,” The Times has been on a steady march toward temporarily profitable lifestyle fluff. [...] The fluff is more fun to read than the loss-leading reports about starvation in Sudan, but it isn’t the sort of thing you miss when it’s gone. Not many people would get misty-eyed over the closure of, say, “Thursday Styles,” fascinating as its weekly shopping deconstructions often are."

Und er fragt sich, wie die Zukunft dieser Zeitung dann aussieht, wenn sie ausschließlich im Netz erscheint:

"In an optimistic scenario, the remaining reporters—now reporters-cum-bloggers, in many cases—could use their considerable savvy to mix their own reporting with that of others, giving us a more integrative, real-time view of the world unencumbered by the inefficiencies of the traditional journalistic form. Times readers might actually end up getting more exposure than they currently do to reporting resources scattered around the globe, and to areas and issues that are difficult to cover in a general-interest publication."

Nur leider erwähnt Hirschorn das pessimistische Szenario nicht. Für Menschen, deren Beruf es ist, sich mit Medien und Nachrichten auszukennen, ist es sicherlich möglich, sich durch den Wust an Informationen zu graben, um die guten und vertrauenswürdigen Quellen zu solch unvorhergesehenen Ereignissen wie der Situation in New Orleans nach dem Hurrikan oder den Anschlägen in Mumbai zu finden. Für den "normalen" Leser ist dies aber nicht möglich. Er vertraut auf die Kompetenz seiner Zeitung(en). Denn die "inefficiencies of the traditional journalistic form" sind ja nicht nur Platzmangel im Blatt, sondern auch, unter Umständen mehrere, Redaktionen eines Artikels - und damit ein Zuwachs an Objektivität im journalistischen Sinne. Was meines Erachtens mittlerweile ganz gut funktioniert, aber sicherlich verbessert werden kann, ist der Einbezug dieser Quellen in die Printberichterstattung, um vor allem eine gehörige Portion Authentizität zur eigenen Meinung hinzuzufügen.

Nun schreibt Rick Edmonds, dass Hirschorn basales Hintergrundwissen fehle, um Finanzjournalist zu werden und stellt einige der Vorannahmen richtig. Die wichtigste Korrektur:

"The New York Times leads all newspapers by a wide margin in the average time a typical unique visitor spends online. But that is 36 minutes per month (according to Nielsen's measure for November) -- just a little more than a typical Times print reader would spend with it per day. So where does most New York Times reading take place? By a wide margin, in homely old print (where, not coincidentally, ad revenue remains similarly concentrated)."

Edmonds schließt mit dem pessimistischen Szenario, das Hirschorn wegließ:

"How about getting your political news from Politico, your sports news from ESPN.com, your showbiz news from EW.com, your international news from an assortment of options, and your local news from somewhere to be determined? In short, the news would come from professionally reported and edited sites with standards -- just not the single unifying standard of The New York Times or other quality publications."

Man kann also vermuten, dass die Marke The New York Times das tut, was Marken so tun: Komplexität so zu reduzieren, dass man nicht bei jeder Nachricht eigenhändig überprüfen muss, ob sie stimmt, sondern einfach davon ausgehen kann, dass das in der Redaktion selbst geschehen ist. Dass durch die Ausweitung des Themenspektrums und den Versuch, das Blatt einer größeren Menge an Lesern schmackhaft zu machen, die Wahrnehmung guten Journalismus verzerrt worden sei, leuchtet mir nicht wirklich ein. Es wurde vermutlich einfach der Leserkreis weiter ausgedehnt, um mehr Profit machen zu können. Dass ein Leser, der sich durch diese Rubriken hat akquirieren lassen, seine Informationen heute vielleicht eher im Netz findet als jemand, der nach Reportagen über die Dürre im Tschad und deren Konsequenzen sucht; dass also vielleicht der Leserkreis etwas schrumpft, muss ja nicht automatisch das "Ende des Geschäftsmodells" sein.

Denn was eine große Zeitung ja gerade interessant macht, ist ihr Anspruch des "general interest". Spezialzeitschriften für Osteuropa oder Literaturkritik gibt es (und, wie man sieht, normalerweise auch mit Online-Angebot), und auch ein Publikum. Aber es gibt eben auch eine beträchtliche Anzahl an Menschen, die eine breite Vorauswahl, die für sie getroffen wird, bevorzugen; und zwar vor allem, wenn sie für sich vorher ausgewählt haben, wer diese Auswahl für sie treffen soll, mit der Entscheidung also, welche Zeitung(en) sie lesen. Deswegen ist es durchaus etwas anderes, ein physisch begrenztes Produkt einer Redaktion oder ein Netz an untereinander verlinkten, spezialisierten Blogs zu konsumieren.

Vertrauen wir also vorerst darauf, dass die NY Times nicht gleich im Frühjahr abschmiert.